Ankunft und Empfang in der mongolischen Hauptstadt nach einer besonders eindrucksvollen Zugfahrt. Der Weg vom südlich der Innenstadt gelegenen Bahnhof zum Golden Gobi Hostel ist nicht weit. Ich erreiche gegen 6:00h am Morgen meine Unterkunft und bin überrascht, dass der Laden brummt. Der Gemeinschaftsraum ist voll von Reisenden, die gerade ihr Frühstück genießen. Es handelt sich sowohl um einige Leute, die ebenfalls gerade eingetroffen sind, als auch um Gruppen, die alsbald zu einer Gobi-Tour aufbrechen, oder soeben von einer eben solchen zurückgekehrt sind. Die Stimmung ist gut. Viele kennen sich bereits, und es werden Erfahrungen, Tipps und Planungen ausgetauscht.

Das Tor ins Abenteuer – Bahnhof von Ulaanbaatar

Ü50er planen gemeinsame Wüstentouren mit U25ern. Alle sind sehr leidenschaftlich im Thema. Der Flavor meiner Reise hat einen neuen Ton angenommen. Während ich mich in Russland noch weitgehend als den einsamen Solisten, den merkwürdigen Kultur- und Eisenbahnreisenden wahrgenommen habe, erscheine ich mir nun als Teil eines Zirkels von wilden Abenteurern.

Das Hostel selbst veranstaltet Touren mit Fahrer:in und Guid:in. Ich hatte mir vorgenommen, während meines 12-tägigen Aufenthalts mehrere 1-bis 2-tägige Kurztrips mitzumachen, um hier und dort das Land zu erkunden. Ich neige nicht dazu mich über längere Zeiträume von mehr als 2 Tagen an eine Reisegruppe zu binden, da ich nach einer Weile eine Art passiven, sozialen Stress verspüre, für den es keinen bestimmten Auslöser braucht. Man empfiehlt mir dringend eine geführte 8-tägige Gruppentour im UAZ Buchanka durch die Zentralmongolei. Ich stimme zu und buche…

Heldentum und Lamaismus

Ulaanbaatar, das im Westen in Anlehnung an das russisch-kyrillische Transkript hauptsächlich als Ulan Bator bekannt ist, ist ein besonderer Ort. Es ist die Hauptstadt des Landes mit der weltweit niedrigsten Bevölkerungsdichte und beherbergt nahezu die Hälfte aller Einwohner. Also einen Großteil jener 70 % der mongolischen Bevölkerung, die den nomadischen Lebensstil hinter sich gelassen hat. Das Nomadenleben ist hart und wird härter. Der Klimawandel hat auch (und besonders) die Mongolei getroffen.

Sommerdürren bieten dem Vieh nicht ausreichend Nahrung, um sich Vorräte für die harten Winter anzufressen. Die Abstände zwischen den Dsud (Зуд) genannten, extremen Kälteperioden werden kürzer. Viele Tiere, die elementare Lebensgrundlage der nomadischen Hirten, verhungern und erfrieren. Zusammen mit den Regeln und Verheißungen der sich entfaltenden Marktwirtschaft hatte und hat dies eine massive Landflucht zur Folge. Und so zieht es immer mehr Familien samt ihres „Gers„, jener traditionellen zentralasiatischen Jurte, in die eingezäunten Wohnquartiere (Chaschaa) am Stadtrand Ulaanbaatars.

Viertel mit Gers und einfachen Häusern am Rande der mongolischen Hauptstadt.

Diese ausgedehnten Bereiche der Stadt sind durch das Zugfenster zu sehen, wenn man in die Stadt ein- oder aus ihr rausfährt. Einen gewissen Kontrast dazu lerne ich im Stadtkern kennen. Eine Stadt, in der die architektonischen Relikte der kommunistischen Ära mit den modernen Vorzeige-Fassaden der Geschäftstüchtigkeit zu einer nicht schönen, nicht hässlichen Melange der Zeiten verschmelzen. Sehenswürdigkeiten sind rar. Die Stadt lockt mit ebenjenen Touren aus ihr heraus. Und mit einer Handvoll Geschichte und Nationalstolz.

Genau genommen mit einigen Jahrhunderten Geschichte, die sich vor Ort gut und in Kürze erkunden lässt. Im Grunde befindet sich das Sehenswerteste innerhalb eines kleinen Radius im inneren Stadtzentrum, welches durch den 105 Meter hohen Blue Sky Tower als Orientierungspunkt auch aus der Ferne kaum zu verfehlen ist. Ebenso wie die Hauptsehenswürdigkeit mit seinen landes- und stadthistorischen Referenzen.

Aus der entsprechenden Perspektive präsentiert sich Ulaanbaatar als moderne, geschäftige Metropole.

Ulaanbaatar wurde im Jahre 1639 als Hauptsitz des lamaistischen Oberhaupts der Mongolei, des Bogd Gegen, gegründet und zunächst mit dem prägnanten Namen Örgöö versehen. Der Ort fungierte lange Zeit als quasi-nomadisches Kloster. Der Standort wurde immer wieder verlegt, über Distanzen von mehreren hundert Kilometern hinweg. Schließlich hat sich der heutige Standort im Jahre 1778 nachhaltig etablieren können.

Erst infolge der Befreiung von der chinesischen Manchu-Herrschaft zu Beginn des letzten Jahrhunderts, und der folgenden Revolution unter Führung Damdiny Süchbaatars (Дамдины Сүхбаатар), wurde Ulaanbaatar 1924 zur Hauptstadt der Mongolischen Volksrepublik erklärt, und erhielt in diesem Zuge auch seinen schillernden Namen, der mit „Roter Held“ zu übersetzen ist. Das Heldentum als solches spielt in der mongolischen Geschichte und in der hiesigen, repräsentativen Selbstdarstellung eine große Rolle. In vielerlei Hinsicht.

Nicht zuletzt freilich durch die erlangte (weitgehende) Unabhängigkeit, nach dessen Protagonisten der zentrale Platz in der Hauptstadt benannt ist, und dem zu Ehren eine Reiterstatue auf ebendiesem errichtet wurde. Dem Süchbaatar-Platz. Ein typisches real-sozialistisches Betonfeld und entspannter Treffpunkt inmitten des Stadtzentrums, flankiert von einem repräsentativen Bauwerk, dessen Silhouette ein wenig an jene des Berliner Reichstags erinnert. Tatsächlich handelt es sich bei diesem beflaggten Gebäude um den Regierungspalast.

Der Süchbaatar-Platz im Zentrum Ulaanbaatars beherbergt das Parlamentsgebäude sowie ein exquisites Ensemble an Volkshelden.

Hier tagt das mongolische Parlament, das Staats-Chural (Улсын Их Хурал). Bewacht wird das Haus von niemand geringerem als dem Über-Volkshelden schlechthin, Dschingis Khan (Чингис Хаан). Dschingis Khan, jener Kriegsherr und späterer Khagan (etwa: Kaiser), der es nicht nur schaffte, gegen Ende des zwölften Jahrhunderts die Sippen der mongolischen Steppe zu einem einigen Nomadenstaat zusammenzuführen, sondern auch – davon ausgehend – ein in seiner Ausdehnung bis dahin beispielloses Riesenreich zu formieren. Sicherlich nicht ganz gewaltfrei. Ob sein Tod im Jahre 1227 gewaltsam erfolgte, ist nicht 100%ig geklärt.

Geklärt wurde jedoch seine Nachfolge. Unter seinem Sohn Ögedei Khan (Өгөөдэй) wurde das Reich weiter geografisch ausgedehnt, was unter seinen Nachfolgern im bis heute größten zusammenhängenden Weltreich der Menschheitsgeschichte gipfelte.

Die Reiterstatue des Revolutionsführers Damdiny Süchbaatar (Дамдины Сүхбаатар) erinnert an die sozialistische Vergangenheit vor post-sozialistischer Kulisse.

Während Dschingis Khan in der Mitte der Palastfront thront, gebührt Ögedei immerhin ein Platz an dessen Rechten, während Dschingis´ Enkel und späterer Kaiser von China, Kublai Khan (Хубилай), zu dessen Linken mit wacht. Interessanterweise, so werde ich später von meiner Tour-Guidin erfahren, ist Kublai Khan wohl vergleichsweise wenig populär in der mongolischen Bevölkerung.

Obwohl er ebenjener Nachfolger Ögedeis war, der das Reich maximal weiter zu vergrößern wusste. Der Grund für die eingeschränkte Zuneigung sei nicht zuletzt, dass er den Regierungssitz des mongolischen Reiches von dem durch Dschingis Khan gegründeten Karakorum (Хархорин) im Orchon-Tal ins chinesische Beijing (Peking) verlagerte, und sich zudem als großer Freund der chinesischen Kultur zeigte. Schließlich gilt er mitunter auch als großer Wiedervereiniger Chinas.

Das ließ ihn zwar offenbar zu einem Teil der exquisiten Riege der großen Khagane werden. Seinem Großvater kann er indessen nicht das Wasser reichen. Denn dieser, Dschingis Khan, besticht mit symbolischer Omnipräsenz. Das genannte Dreiergespann der Khagane vereint also die wohl prominentesten und bedeutendsten historischen Persönlichkeiten des Landes. Und deren Geschichten sind nun an diesem einen Ort – dem Hauptplatz der Hauptstadt – bereits vollständig erzählt…

Die Legende thront nach wie vor im mongolischen Machtzentrum: Dschingis Khan (Чингис Хаан), der Gründer und Herrscher des Mongolischen Reiches.

…nun, nicht ganz. Ganz und gar nicht. Eine fantastische und umfassende Übersicht über die mongolische Geschichte, mit – man mag es den Kurator:innen nachsehen – gewissem optischen Fokus auf Dschingis Khan und den mongolischen Buddhismus, bekommt man im Nationalmuseum der Mongolei hinter dem Parlamentsgebäude aufbereitet. Von außen wirkt der kubisch-praktisch-gute Betonklotz wenig schillernd.

Im Inneren warten jedoch zahlreiche Schätze, tolle Exponate, und viel zu lesen. Sehr viel zu lesen. Von den ersten nomadischen Siedlungen, der Siedlungs- und Einfalls-Dynamik, über die Staatsgründung, bis hin zu dem brutalen Joch der Manchu-Herrschaft und schließlich dem wechselhaften 20. Jahrhundert. Ich verbringe hier mehrere kurzweilige Stunden. Bis es nicht mehr geht. Bis ich während des post-kommunistischen Sprungs in die neue Freiheit durch die aufmarschierende Putzkolonne in passiv-aggressiver Manier zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert werde. Um 18:00h schließt das Haus.

Nationalmuseum der Mongolei in der Juulchin Straße 1.

Konsum, Äpfel und Trinkgeld

Ich begebe mich zurück ins „Hier und Jetzt“. Ich habe relativ viel Zeit mitgebracht, um mich in Ulaanbaatar umzusehen. Eigentlich zu viel Zeit. Aber diese Art der Entschleunigung ist nach dem doch eher raschen Durchfahren Russlands etwas Balsam für die Backpacker-Seele. Ich kann mir einfach mal Zeit nehmen und lassen. Spaziergänge entlang der zentralen Peace Avenue, mit dem stolzen State Department Store, quasi dem mongolischen Gegenstück zum Moskauer Kaufhaus GUM.

Wenn man so will. Ein Handelsplatz für systembedingte Mangelware. Gegründet wurde es 1924, was stets nebst der aktuellen Jahreszahl auf dem Dach dokumentiert ist. Heute ist es eigentlich ein ganz normales Kaufhaus, mit Supermarkt, Spezialgeschäften und Dachrestaurant, von welchem aus man einen guten Blick auf den Süden der Stadt genießt, mit dem leicht überdimensioniert wirkenden Nationalzirkus vor dem Bogd Khan Uul (Богд хан уул) Berg.

Für uns Touristen ist das Kaufhaus freilich die erste Anlaufstelle, um uns für unsere Touren in die Steppen und Wüsten mit den „nötigsten“ Komfortzonen-Artikeln einzudecken. Was wäre eine Woche in der romantisierten Authentizität der Abgeschiedenheit ohne einen großzügigen Vorrat an Coke Zero und Nutella…?

Der zentrale Konsumtempel Ulaanbaatars: State Department Store in der Peace Avenue.

Direkt vor dem Großen Laden, wie man das Kaufhaus im Volksmund nennt, befindet sich eine auf mich hier skurril wirkende Sehenswürdigkeit. Skurril hinsichtlich ihrer Größe und zentralen Lokalisierung in der mongolischen Hauptstadt: das apfelförmige Beatles-Monument, mit den Fab Four in Bronze gegossen.

Dahinter verbirgt sich die Geschichte, dass sich in den wilden 70er Jahren junge Menschen in diesem Teil der Stadt zusammen fanden, um von der sowjetisch-kommunistischen Aufsicht geächtetes Liedgut aus dem Westen zu zelebrieren. Es heißt, diese Umtriebe wären später Inspiration für den Freiheitskampf der Wendezeit gewesen. Nachdem dieser schließlich zum allseits gefeierten Erfolg geführt hatte, wurde kurzerhand Lenin durch Lennon ersetzt, und der zukunftsweisenden Vergangenheit ein fruchtiges Denkmal gesetzt. Mein Eindruck der Skurrilität ist dem einer gehaltvollen Banalität gewichen. Die politische Wirkkraft der Popkultur, dokumentiert in einem geziegelten Apfel.

Das Beatles-Monument vor dem State Department Store im Stadtzentrum.

Und des Apfels nicht genug… Entlang der Hauptstraßen sehe ich zunächst vornehmlich kleine Geschäfte, Straßen- und Kofferraum-Handel, Cafés und eben das übliche urbane Treiben. Und schließlich exotische Verkaufsstände. Die sich anbahnende Woche in der Steppe wird mich lehren, derart exotisches wie Obst und Gemüse schätzen zu lernen. Die Mongolei mag reich an Bodenschätzen sein. Sie ist es jedoch nicht an fruchtbarem Land. Praktisch alle pflanzlichen Lebensmittel – außer Weizen – sind exotische Produkte, importiert aus China oder Russland.

Ich entdecke einen Obststand, wo mit Äpfeln und anderen für Europäer langweiligen Früchten gehandelt wird. Hier kann man für eine Handvoll Äpfel gerne mal 3 Euro bezahlen. Das kann sich hier nicht jeder regelmäßig leisten. Die Durchschnittsverdienste sind niedrig. Viele Menschen leben an der Armutsgrenze, viele leben mit anderen Nöten. In der Stadt begegne ich einigen alkoholisierten Männern, worauf ich durch meine Reiselektüre schon vorbereitet war. Man solle sich – besonders in der Nacht – in Acht nehmen.

In der Mongolei sind praktisch alle Obstsorten exotisch und kostbar.

Als ich mich auf dem Weg zum sehenswerten Gandan-Kloster befinde, werde ich von einem angetrunkenen Mann in fast akzentfreiem Englisch angesprochen. Er fragt zunächst nach einer Zigarette, die ich ihm gerne geben würde, jedoch nicht anbei habe. Er bietet an, dass wir zu einem naheliegenden Kiosk gehen, wo ich Zigaretten für uns beide kaufen könne. Ich willige ein und rechne damit, dass ich eine Schachtel Marlboro zu erwerben hätte. Tatsächlich bestellt er lediglich zwei einzelne Kippen, eine für ihn, eine für mich.

Wir teilen uns die erstandene Ware brüderlich, und er begleitet mich meines Weges. Ich erfahre, dass er für einige Zeit in den USA lebte und arbeitete, in Buffalo, was auch seine Sprachsicherheit erklärt. Zurück in der Mongolei habe er nun wenige Perspektiven auf ein würdiges Auskommen. Er gewährt mir Einblicke in sein Leben, und wird nicht müde, mir zu erzählen und mich zu fragen. Nach Geld. Ich gebe ihm einige Tugrik, und gehe davon aus, dass er jetzt zufrieden seines Weges gehen würde. Doch dem ist nicht so. Als wir schließlich kurz vor meinem Ziel sind, fragt er mich erneut. Mir wird das bereits etwas unangenehm, und ich verweise auf die wachsamen Augen der Polizisten, die nur wenige Meter von uns entfernt wandeln. Denn auch angesichts unserer beiden Outfits ließe sich eine dubiose Geldübergabe an der Hauptstraße – mit dem entsprechenden Willen – als etwas anderes interpretieren als es tatsächlich ist. Er meint, er hätte eh keinen Respekt vor den jungen Polizisten. „They are just boys!„. Okay, Boys. Mit Knüppeln. Ich warte, bis die Jungs außer Sichtweite sind und reiche meinem Freund einige weitere Scheine.

Er möchte mich aber weiterhin begleiten. Ich lüge, dass ich in wenigen Minuten in einem naheliegenden Restaurant verabredet sei, und mich nun verabschieden müsse. Tatsächlich akzeptiert er diese Entschuldigung, lässt sich nochmal ein paar Tugrik aushändigen und verabschiedet sich gut gelaunt.

Das Gandan Kloster – An Heiligster Stätte

Schließlich erreiche ich mein Ziel – das Zentrum des mongolischen Lamaismus. Mongolischer Lamaismus. Die aus Tibet stammende buddhistische Glaubensrichtung gehört (für mich als Besucher) zur Mongolei wie die Nomaden in der Steppe und Dschingis Khan. Während der große Volksheld im 12./13. Jahrhundert bereits eine gewisse Toleranz gegenüber der sich in Ostasien ausbreitenden Religion zeigte, war es im Jahre 1578 schließlich ein gewisser Altan Khan (Алтан хан), der eine Allianz mit Sönam Gyatsho (བསོད་ནམས་རྒྱ་མཚོ་), einem führenden tibetischen Mönch der buddhistischen Gelug-Schule, schmiedete und somit das bislang schamanistisch geprägte Land vollständig zum Lamaismus konvertierte.

Altan Khan übertrug dem Gelehrten die missionarische Autorität sowie den eigens für ihn erdachten Ehrentitel Dalai Lama (далай лам, etwa: „Ozean der Weisheit“), und sicherte dadurch beiden Führern den wechselseitigen spirituellen und politischen Einfluss auf die Mongolei und Tibet. Dalai Lama, die vielleicht einzige spezifische Bezeichnung und/oder Person aus dem tibetischen Kulturkreis, mit der wohl jeder Mensch im Westen etwas assoziiert, stammt also aus der Mongolei! Checked!

Beliebte Kulisse für Hochzeitsfotos: das heilige Gandan-Kloster von Ulaanbaatar.

Ulaanbaatar wurde also einst als Zentrum des mongolischen Buddhismus, als Wanderkloster gegründet und hat sich im 18. Jahrhundert als Stadt manifestiert. In diesem Zeitraum wurde auch das wohl beständigste aller mongolischen Klöster gegründet, das Gandan-Kloster (Гандантэгчинлэн хийд). Seine Beständigkeit betrifft nicht zuletzt auch dessen Bedeutung während der kommunistischen Zeit im 20. Jahrhundert, als der Buddhismus in der Mongolei stalinistisch-gründlich „beseitigt“ wurde.

Einzig das Gandan-Kloster war in der zweiten Jahrhunderthälfte für Gläubige zugänglich. Im ganzen Land. Zeugnisse gewaltsamer, stalinistischer Gründlichkeit würde ich später auf der Outdoor-Tour zu sehen bekommen. In Ulaanbaatar ist die Glaubensfreiheit längst zurückgekehrt, und das Kloster bietet einen authentischen Einblick in die Atmosphäre und Rituale der Gelug-Schule. Gebetshallen, Gebetsmühlen, Stupas…. Und eine Menge Touristen. Die Kulisse des Hauptgebäudes lädt zu entspannten Selfie-Sessions und Hochzeitsfotos ein. Wie erwähnt ist Ulaanbaatar im Gesamten keine besonders schöne oder atmosphärische Stadt. Das Kloster-Gelände wirkt hier wie eine kleine romantische Oase der Spiritualität und weltlichen Wonne.

Gebetsrituale im Gandan-Kloster. Die Rampen verhelfen zu weiteren Gebetspositionen.

Ich hatte ja zuvor – im burjatisch-russichen Ulan-Ude – bereits in die mongolisch-buddhistische Welt hineinschnuppern können. Doch dieser Ort wirkt auf mich nochmal etwas realer. Meine erste Gebetsmühlen-Runde trete ich noch mit einer gewissen Unsicherheit an. Zuvor lasse ich mir von einer Kloster-festen Reisenden aus dem Hostel erklären, dass man insgesamt drei Runden um einen Gebetsmühlen-Zirkel dreht. Dabei wiederholt man stetig ein Mantra, einen spirituellen Vers.

Ich beschränke mich auf die drei Runden in der verbal passiven Variante und atme die Atmosphäre und Klänge ein, an die ich mich später in der tibetischen Kulturregion tatsächlich erinnert fühlen werde. Ein schönes Erlebnis, an einem schönen Tag. Bei Sonnenschein und blauem Himmel sind eigentlich die meisten Orte den verbrachten Tag wert, welchen man ihnen zuweist. So auch Ulaanbaatar. So auch das Gandan-Kloster. Ein weiterer Meilenstein auf meiner langen Reise.

Flanierweg zum und vom Gandan-Kloster, mit Blick auf das Gebirge im Süden.

Ausflug nach „Nordkorea“

In Ulaanbaatar war es überraschenderweise sehr einfach, Restaurants mit einem veganen Angebot zu finden. Es gab sogar reichlich rein-vegane Lokale, inklusive der Restaurantkette „Loving Hut“. Ein Grund hierfür ist wohl die zunehmende Änderung des Lebensstils vom körperlich aktiven Hirtentum, hin zum eher sessilen, urbanen Büroleben. Die landestypische, an ersteres angepasste, fettreiche tierische Kost bringt da auf Dauer mitunter gesundheitliche Schwierigkeiten mit sich. Eine Mischung aus Gesundheits- und Lifestyle-Trend… wenn man so will.

Ein anderer Grund sind vorherrschende buddhistische Wesenszüge, die traditionell eine gewisse Ethik hinsichtlich des Wohls und des Tötens von Tieren enthalten. Neben diesen, angesichts der nicht lokal verfügbaren Rohstoffe nicht unbedingt preisgünstigen Veggie-Lokale gibt es in der Stadt auch eine gelungene Auswahl an koreanischen Restaurants. Darunter findet sich ein ganz besonderer Exot – das Pyongyang Restaurant. Dabei handelt es sich um eine Devisen-affine Kette, die von einer nordkoreanischen Regierungsbehörde betrieben wird und deren Lokale sich mit ihrem nordkoreanischen Personal über weite Teile Ostasiens verteilen. Eine Attraktion für Südkoreaner und westliche Touristen gleichermaßen.

Es stellt sich bei dem Konsum dieses Angebots natürlich auch die ethisch-moralische Frage hinsichtlich der Arbeits- und Lebensbedingungen der Angestellten.

Etwas windig wirkender Eingang in das Haus, welches das nordkoreanische Restaurant beherbergt. Ein teurer Schluck: das Taedonggang (대동강맥주) Bier aus der nordkoreanischen Hauptstadt.

Im Restaurant wird man mit typischen koreanischen Spezialitäten versorgt, inklusive des originalen Hauptstadtbräus, dem Taedonggang (대동강맥주), welches den Namen des durch das Stadtzentrum Pjöngjangs fließenden Flusses trägt, und auch mit dessen Wasser gebraut wird. Eine Flasche wird hier zu einem stolzen Preis von etwa 7 Euro (!) angeboten. Man gönnt sich ja sonst nix…

Neben Speis und Trank gehört es zur nordkoreanischen Restaurantkultur, die Gäste mit einem live-musikalischen Angebot zu verwöhnen. Am Abend schnappen sich die Kellnerinnen das Mikrofon und geben heimische Gassenhauer zum Besten. Im Karaoke-Stil. Letzteres bedeutet jedoch auch, dass man als Gast freundlich aber deutlich zum Mitmachen aufgefordert wird. Nun gut. Der Laden ist nicht besonders voll, nur eine kleine koreanische Gruppe am Nachbartisch. Ich sage zu, und suche mir „Knocking on Heaven´s Door“ aus. Die Guns N‘ Roses Version.

Am Anfang ist die Crowd noch begeistert. Jedoch endet das Stück bekanntermaßen in einer langen, monotonen, repetitiven Sequenz der Titelzeile… Ich verliere mein Publikum, und habe noch etwa 2 Minuten und circa 12 x „Knock-knock-knockin‘ on heaven’s door“ vor mir… Ich werde meine Karaoke-Song-Auswahl für das nächste Event dieser Art überdenken. Schließlich treffe ich auf der Toilette noch einen der koreanischen Gäste, der mich dazu auffordert, mit ihm ebendort unerlaubterweise eine Zigarette zu qualmen (was auch im Innenraum nicht gestattet ist). Ich stimme ein und berichte über meine Reiseerlebnisse und Vorhaben. Ich bekomme nicht ganz raus, aus welchem Grund er hier ist, und woher er stammt. Ein Teil der Crew, oder ein Tourist aus Koreas Süden…? Nach diesem kleinen Abenteuer kehre ich zurück in die mongolische Realität und stürze mich ins nächste, größere Abenteuer.

Auf in die Steppe

Schließlich ist es soweit, und ich trete die 8-tägige Tour durch die zentrale Mongolei an. Mit einem weiteren Teilnehmer, einer Guidin sowie einem Fahrer. Die Tour startet am frühen Morgen, und hat zunächst ein schnelles Ziel am südlichen Stadtrand Ulaanbaatars. Die Dsaisan-Gedenkstätte (Зайсан), welche den gemeinsamen sowjetisch-mongolischen Anstrengungen zur Erlangung der Unabhängigkeit, sowie den im Zweiten Weltkrieg gefallenen sowjetischen Soldaten gedenkt. Ein Monument der Freundschaft und Verbundenheit.

Ich frage mich, wie viel von dieser speziellen Verbundenheit nach dem in der Mongolei feierlich begrüßten Zusammenbruch des Sowjetregimes übrig geblieben ist. Vielleicht eine gewisse Portion Nonchalance, gepaart mit dem Pragmatismus, dieses Stück gelungener realsozialistischer Kunst samt der tollen Aussicht auf Stadt und Umgebung als Ausflugsziel zu schätzen. Es handelt sich um ein 360 °C Panorama, mit den typischen heldenhaften Darstellungen der Harmonie zwischen Menschen aller Klassen. Definitiv einen Besuch wert.

Historischer Rückblick und Aussicht an der Dsaisan-Gedenkstätte

Die Aussicht ist freilich auch fantastisch. Der vielleicht umfassendste Blick auf die Mongolische Hauptstadt. Eine Besonderheit sind die sichtbaren Inschriften auf manchen Hügeln in der Umgebung. Etwa das mongolische Nationalsymbol, das Sojombo, eingebracht mit weißen Steinen. Dieses Symbol steht für die Einigkeit der vielen philosophischen Merkmale mongolischen Kultur, die menschliche Orientierung in der Gesellschaft, der Natur, auf Erden, im Universum.

Wir verlassen die Hauptstadt im UAZ Buchanka und begeben uns in die Abgeschiedenheit der mongolischen Weiten. Ohne fließend Wasser, ohne Zentralheizung, ohne Strom… wirklich ohne Strom? Ich freue mich mit einem gewissen Respekt auf eine spannende Woche im Reich der Nomaden.

Sicht auf einen Hügel mit „eingraviertem“ Sojombo und Mantra. Am westlichen Stadtrand deutet sich der industrielle Beitrag zu der schlechten Luftqualität an.

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