Nach der – im Wechsel – eindrucksvollen und eindruckslosen Fahrt sowie dem Abschied von meinem netten Abteilfreund habe ich nun die Möglichkeit, meine ersten Eindrücke von der größten Stadt Sibiriens zu gewinnen. Ich brachte den Namen Nowosibirsk immer direkt mit der Ferne und Kälte Sibiriens in Verbindung. Der Inbegriff von Abgeschiedenheit, Verbannung und dem, was man im Westen so an Stereotypen und Klischees über den entfernten Osten gewohnt ist. Wirklich gewusst habe ich im Prinzip nichts. Auch nicht wirklich, was mich erwarten würde. Mittelfristig würde sich mir die Stadt schlichtweg als wenig spektakulär und nicht besonders schön darstellen. Und dennoch findet man auch hier interessante und eindrucksvolle Orte. So ist bereits das Bahnhofsgebäude (Новосибирск-Главный) sehr sehenswert. Die Fassade erinnert – wenngleich etwas weniger verspielt – an jene zuvor gesichtete Front des Omsker Bahnhofs. Das nahe gelegene Hostel Zokol suche ich in ca. 20 Minuten zu Fuß auf. Als ich unterwegs offenbar etwas ratlos auszusehen scheine, wird mir von einem Local Orientierungshilfe angeboten, die mich tatsächlich schneller ans Ziel bringt.

Transsib-Bahnhof Nowosibirsk-Glawny (Новосибирск-Главный). Zum Teil der konstruktivistische Baustil, besonders aber die freundliche grüne Farbe erinnern an den zuvor gesichteten Bahnhof in Omsk.

Das Hostel befindet sich in einem rohen Wohnhaus in einem durchschnittlichen Wohngebiet, und eröffnet seinen Zauber erst beim Betreten. Ein klassisches und gemütliches Hostel, welches drei Küchen zur Selbstversorgung bietet. Diese mache ich mir auch direkt zunutze, nachdem ich freudig festgestellt hatte, dass ich mich im nächsten Supermarkt mit Mandelmilch und Chia zur Zubereitung eines gepflegten Hipster-Frühstücks eindecken kann. Etwas Vergleichbares hatte ich nun schon seit knapp zwei Wochen nicht mehr, und für einen umfassenden Speedy-Sightseeing Tag sollte diese moderne Erfrischung eine bekömmliche Grundlage sein.

Im Stadtzentrum – Auf der Suche nach der Ob-Promenade

Wie auch die anderen großen sibirischen Städte wurde Nowosibirsk (ursprünglich als Nowonikolajewsk, Новониколаевск) am Ufer eines der großen Ströme des Landes gegründet. Heute teilt der Ob (Обь), der (je nach Vermessung) auch als längster Fluss Russlands gelistet wird, die Stadt in Nordost und Südwest. Den Ob passiere ich bereits bei der Einfahrt mit der Transsib über die dafür (1897) errichtete Eisenbahnbrücke, wodurch sich bereits ein beeindruckender Blick auf die Umgebung bietet. Der Möglichkeit, hier aufgrund der relativ schmalen Ausbreitung des Flussbetts eine Brücke aufzustellen, hat die Stadt Nowosibirsk letztlich ihre Existenz, logistische Relevanz und Entwicklung zu verdanken. Zulasten der weniger günstig gelegenen, ehemaligen sibirischen „Hauptstadt“ Tomsk.

Um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Nowosibirsks im Speedy Modus abzuklappern, orientiere ich mich am Krasny Prospekt (красный проспект), der großen Hauptstraße nordöstlich des Obs. Ich mache mich hier zunächst mehr oder weniger ziellos auf den Weg und durchkämme auch die ein oder andere Nebenstraße. Während sich mir hier weitgehend funktionelle, symmetrierte real-sozialistische Architektur präsentiert, stoße ich auch auf einige ins Stadtbild eingestreute Holzhäuser, die teilweise wohl eher als Museum dienen, denn als repräsentative Bauten. Ein deutlich größeres und natürlicheres Ensemble traditioneller sibirischer Häuser wird sich mir später in Irkutsk bieten.

Beim Spaziergang durch die Viertel begegne ich typisch sibirischen Holzhäusern, die mittlerweile mit solidem Fundament versehen sind. Bei dem Exemplar rechts scheint es sich um ein museales Konstrukt zu handeln.

Leicht im Norden des Zentrums befindet sich neben dem Spartak-Stadion der Zentralpark (Центральный парк), der sich ähnlich wie seine Pendants in anderen russischen Städten als eine zurechtgemachte Grünanlage mit jahrmarktigem Unterhaltungsangebot (Karussellen, Riesenrad, Buden) zeigt. Für hochkulturell Interessierte befindet sich hier auch das recht schmucke Musiktheater (музыкальный театр). Generell ist Nowosibirsk in dieser Hinsicht kein blinder Fleck auf der Landkarte.

Eine beachtliche Zahl an Theatern und anderen Kultureinrichtungen findet man in kleinem Radius. Leider habe ich auch hier nicht die nötige Zeit eingeplant, um mich auf das Angebot einzulassen. Man kann aber davon ausgehen, dass die meisten Programme für die volle Aufmerksamkeit halbwegs sichere Russischkenntnisse erfordern, was natürlich nicht als Ausrede durchgehen sollte. Im Vergnügungspark selbst bin ich von der scheinbar minimalistischen Konstruktion des Riesenrads beeindruckt.

Ich überlege einen kurzen Moment lang, ob ich mich auf dieses statische Abenteuer einlassen würde; da der Park jedoch ohnehin noch nicht geöffnet ist, lenke ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das spontane Sightseeing-Programm, das mich als Nächstes zu dem erhabensten Highlight Nowosibirsks führt: dem Lenin-Platz.

Der typische urbane Vergnügungspark im Stadtzentrum (Центральный парк), nach einer Abzweigung vom Krasny Prospekt. Um diese Jahreszeit – Ende April 2016 – sind die aufregenden Dreh-Vehikel jedoch noch nicht in Betrieb.

Hier sehe ich die vielleicht ausdrucksstärkste Statue Lenins – jedenfalls hat keine der anderen zahlreichen obligatorischen Lenin-Monumente meine Aufmerksamkeit bisher so nachhaltig auf sich gezogen. Wie auch immer man zu den historischen Hintergründen und dem Schaffen des Herrn Wladimir Iljitsch Uljanow (Владимир Ильич Ульянов) steht. Dieser Platz ist beeindruckend. Nostalgische Alt-Kommunist:innen mögen hier einen Ort der Andacht, Verehrung und sicher auch organisierter Demonstrationen finden.

Neutrale Besucher – besonders jene aus dem westlichen Ausland – können sich hier einen guten Eindruck über real-sozialistischen Personen- und Heldenkult verschaffen. Man sollte sich in diesem Zusammenhang respektvoll vor Augen führen, dass man etwa den Tag des Sieges am 9. Mai in Russland dem militärischen Sieg der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg gegen den Faschismus im Jahre 1945 widmet. Schließlich forderte der Zweite Weltkrieg die mit Abstand meisten seiner Todesopfer in der Sowjetunion.

Die feierlichen Banner und Heldenmonumente sind daher vielmehr von sowjetischer Symbolik und der Farbe Rot durchzogen, denn von spezifisch russischen Nationalreferenzen. Und so nehmen an diesem Platz nebst Lenin vor allem Soldaten ihre stolzen, selbstbewussten Posen ein. Diesen Teil der Geschichte und die nachwirkende Lebenswirklichkeit sollte man immer im Hinterkopf haben, falls man im Angesicht der Monumente zu revolutionären Protagonisten von 1917 dazu neigt, Befangenheit zu verspüren.

Lenin und Genossen monumentalisiert vor dem Akademischem Opern- und Ballett-Theater (Новосибирский государственный академический театр оперы и балета).

Die gesamte Zusammenstellung dieses Monuments wirkt noch umso imposanter, als im Hintergrund das gewaltige Opern- und Balletttheater (государственный академический театр оперы и балета), das größte Theatergebäude des Landes, hervorragt. Dieses mächtige Konstrukt aus der Sowjet-Ära würde den Platz Lenins selbst ohne dessen statuierte Präsenz zum Blickfang machen. Ich verweile noch etwas an diesem Platz und beobachte den Straßenverkehr auf dem Krasny Prospekt. Entgegen anderen Berichten, die ich gelesen habe, empfinde ich die Lautstärke trotz hohen Aufkommens als relativ gedämpft. Vielleicht hängt das mit meinen vorigen Erfahrungen aus dem noch leidenschaftlich-lebhafteren Moskau zusammen.

Neues Ziel meines Sightseeing-Programms ist es, zu Fuß an das Ufer des Obs zu gelangen, um mir das Brückenpanorama über diesen riesigen Strom anzusehen. Nach meiner Interpretation des Stadtplans ist einfach dem Krasny Prospekt in Richtung Süden zu folgen und man kommt irgendwann zwangsläufig am Nordufer des Flusses an. Unterwegs gibt es noch einige interessante – oder auch schöne – Beispiele brutalistischer und real-sozialistischer Architektur zu entdecken, welche die Grunderscheinung der Nowosibirsker Innenstadt prägen.

Unweit des Lenin-Platzes befindet sich die Kapelle des Heiligen Nikolaus (Часовня Святого Николая), deren Original-Fertigstellung im Jahr 1914 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Transsib-Brücke über den Ob, und zu Ehren des 300-jährigen Bestehens der Romanov-Dynastie erfolgte. Auch dieses Sakralgebäude wurde durch die Sowjets zwischendurch abgerissen und schließlich 1993 – zum 100-Jährigen von Nowosibirsk – etwas versetzt wiedererrichtet.

Dass sich die Kapelle auf dem geografischen Mittelpunkt des ehemaligen Russischen Kaiserreiches befindet, ist wohl eher ein Mythos. Den Status „Mittelpunkt der Stadt Nowosibirsk“ immerhin kann die schöne Goldkuppel wohl für sich reklamieren.


Die, abgesehen von der Gold-Bekupplung, bescheiden gehaltene Kapelle des Heiligen Nikolaus (Часовня Святого Николая) fällt besonders für ihre Exponiertheit im Stadtzentrum auf.

Nicht besonders stilsicher, doch immerhin nicht ganz humorlos erscheint schräg gegenüber der Kapelle das Zobelrondell inmitten einer kleinen Verkehrsinsel. Vier Zobel halten ein bekuppeltes „Dach“ über eine Art Kompass Sibiriens mit eingravierten Namen zentraler Orte. Der Zobel ist als wichtiger Pelzlieferant und ehemalige Tributware aus der sibirischen Taiga auch als tragendes Element im Nowosibirsker Wappen zu finden. Spannend wird es, wenn man sich demgegenüber das Wappen und entsprechende Monument der Stadt Irkutsk ansieht. Ob dies in Zusammenhang mit einer Fehde zwischen diesen beiden Metropolen steht, konnten meine Recherchen indes nicht klären.

In der Nähe des Lenin-Platzes finden sich einige imposante Gebäude, wie jenes einer großen russischen Versicherung. Davor ein interessantes, richtungsweisendes von Zobeln getragenes Rondell.
Viel Theater in Nowosibirsk. Das Musiktheater (музыкальный театр) im Zentralpark, das Lenin-Haus (heute: Kammersaal der Philharmonie) und das leicht brutal-skurrile Jugendtheater Globus aus dem Jahr 1984.
Aussicht auf den Krasny Prospekt aus der oberen Etage des Shopping-Centers „Bud“ (Бутон). In Nowosibirsk muss man nach Highlights etwas suchen. Aber man findet sie.

Ich nähere mich – so glaube ich jedenfalls – sicher meinem Ziel und werde überrascht von einer kleinen, bronzenen Statue eines Wachtmeisters, der unterwürfig zu einer leicht gekrümmten Bronze-Ampel hinauf salutiert. Dieses ulkige Monument gedenkt der ersten – an dieser Kreuzung – aufgestellten Ampelanlage der Stadt und wurde im Jahr 2006 anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Nowosibirsker Verkehrspolizei enthüllt. Neben den interessanten Geschichten, die einige dieser Monumente erzählen, sind die Bronzestatuen in den russischen Innenstädten immer einen Abstecher wert. Manchmal – wie in Nischni Nowgorod – begleiten sie mich auf eine Zeitreise in vergangene Jahrhunderte, manchmal – wie eben in Nowosibirsk – sorgen sie für eine kleine Erheiterung und bringen einen ästhetischen Impuls in das weitgehend monotone Betonensemble.

Ein liebliches Highlight an der Straßenecke. Dieser Polizei-Meister salutiert ergeben vor der ersten städtischen Ampelanlage.

Kurz vor meinem Ziel, im Süden der Hauptstraße, stoße ich noch auf eine wichtige Sehenswürdigkeit: die Alexander-Newski-Kathedrale (Собор Александра Невского). Dem namensgebenden Heeresführer und Volkshelden aus dem 13. Jahrhundert sind europaweit – jedoch besonders in Russland – zahlreiche Kirchen und Kathedralen gewidmet. Seinen 1240 errungenen Sieg gegen Birger Jarl und die Schweden in der „Schlacht an der Newa“ (im Gebiet des heutigen St. Petersburgs) rechnet man ihm seither hoch an, und so wurde er schließlich im 16. Jahrhundert von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen.

Die nowosibirsker Kathedrale ist ein sehr schönes Exemplar der neobyzantinischen Bauart, mit einer frechen Kombination aus bodenständigem Backstein und (nun ja, hier nicht ganz ungewöhnlichen) goldenen Kuppeln. In ihren wesentlichen Elementen ähnelt sie ihrer berühmten Schwester im bulgarischen Sofia.

Blick auf die Alexander-Newski Kathedrale, mit dem „Monument für die Helden des Großen Vaterlandkriegs“ im Hintergrund, und der Statue des Architekten Andrei Krjatschkow (Андрей Крячков) im Vordergrund

Aus mittlerer Distanz lässt sich die Aussicht auf die Kathedrale entspannt vom kleinen Swerdlow Platz (площадь свердлова) genießen. Die Siegessäule zu Ehren der Helden des Großen Vaterländischen Kriegs hat man dabei auch im Blick. Anders als etwa St. Petersburg und 12 weitere sowjetische Städte, die direkt von den Angriffen der Wehrmacht betroffen waren, wurde Nowosibirsk jedoch nicht der sowjetische Ehrentitel „Heldenstadt“ verliehen. Zwischen 1941 und 1945 nahm die Stadt vor allem die Rolle als Rüstungsstandort wahr, und trug zudem zu der medizinischen und kulturellen Versorgung bei.

Dauerhaftes Gedenken an die Helden des Vaterlandkriegs (links) und ankündigende Symbolik (rechts) im Hinblick auf den anstehenden Feiertag am 9. Mai.

Nach diesen Eindrücken möchte ich nun also endlich an das gelobte Flussufer, muss mir aber bald eingestehen, dass ich es zu Fuß nicht hinbekomme. Die Straße führt zu einem großen Hauptverkehrs-Drehkreuz, und meine Maps App zeigt mir keine intelligente Lösung für einen realen Fußweg. Anderen Erfahrungsberichten nach scheint es möglich zu sein, doch ich entscheide mich, zurück zum Lenin-Platz zu spazieren, und entspannt mit der Metro zum Retschnoj Vokzal (Речной вокзал, deutsch: Fluss-Bahnhof) zu fahren. Hier fällt es selbst mir leicht, zum Ufer zu gehen, sodass ich schließlich noch pünktlich zum Sonnenuntergang den Blick auf das Brückenpanorama genießen darf.

Mit der U-Bahn zur Ob-Ufer-Promenade.
Oktyabrsky Brücke (Октябрьский Мост) über den mächtigen Ob. Auch gekonnte Graffiti-Kunst findet man in Nowosibirsk.
Oktyabrsky Brücke (Октябрьский Мост) im Sonnenuntergang, im Hintergrund die Transsib-Eisenbahnbrücke über den Ob.

Schließlich ist mein Aufenthalt in Nowosibirsk insgesamt, wie die Stadt selber, wenig spektakulär und wenig aufgeregt. Sicherlich keines der absoluten Highlights auf der Transsib-Route, und wahrscheinlich werde ich beim nächsten Mal dem Rat folgen, direkt nach Tomsk weiterzureisen. Dennoch lohnt es sich, hier mal einen Tag zu verbringen, und sich mit den vorhanden Eindrücken der Geschichte Sibiriens ein Stück weiter zu nähern.

Am Tag meiner Abfahrt spaziere ich noch durch den zentralen Pervomaisky Park (Первомайский сквер) und lausche etwas lokaler live Straßen-Rockmusik. Eigentlich kann man es hier aushalten…

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