Tauwetter am Schamanenfelsen

Chuschir, der Hauptort Olchons, ist genaugenommen eine ländliche Siedlung, welche etwa 1350 der ca. 1750 Inselbewohner beherbergt. Ich befinde mich also erstmals in einer wirklich abgelegenen Gegend, die tatsächlich auch erst seit dem Jahr 2005 mit Strom versorgt wird. Die Wasserversorgung erfolgt direkt über den See, ebenso wie die Abwasserentsorgung. Der Ort liegt in einer Art Tal – umgeben von flachen Hügelketten und Steilküste – und ich habe aus verschiedenen Richtungen unterschiedliche Aussichten auf den Ort.

Viele, wenn nicht die meisten der Häuser sind einfache Holzkonstruktionen und sind über staubige, nicht-asphaltierte Straßen und Wege zugänglich. Im Ort gibt es nicht allzu viel Geschäftliches zu erkunden. Einen kleinen Lebensmittelladen suche ich auf, um mich mit Wasser und Snacks einzudecken. Eine gewisse, romantische Sentimentalität und Sehnsucht nach dem einfachen Leben wird hier durchaus befeuert. Nicht zuletzt auch durch die Atmosphäre und Bewirtung in meiner Unterkunft.

Panoramablick über den Ort Chuschir auf der Insel Olchon. Das Dorf ist umgeben von grünen Hügeln und Grasland.
Chuschir (Хушир), der mondäne Hauptort der Insel.

Nikita’s Homestead wurde mir zuvor wärmstens empfohlen, und ich freue mich dem gefolgt zu sein. Diese Unterkunft befindet sich praktisch direkt am Schamanenfelsen, der berühmtesten Attraktion der Insel, und entspricht für sich einem kleinen Dorf mit gemütlichen kleinen Holzhäusern. Man darf hier freilich keinen Luxus erwarten, jedoch ein authentisches und freundliches sibirisches Erlebnis. Als ich nach der Möglichkeit frage, zum Frühstück und Abendessen mit veganen Optionen versorgt zu werden, bin ich über die überaus positive – fast überschwängliche – Reaktion überrascht.

Zum einen über die Begeisterung für das Konzept der pflanzlichen Ernährung an sich, zum anderen über das tatsächliche Angebot. Es ist naheliegend, dass die lokale Ernährung vor allem auf Fisch basiert, insbesondere auf dem endemischen Baikal-Omul (Омуль байкальский). Dennoch bekomme ich interessante Alternativen mit Spargel und Soja-Röllchen serviert, bzw. am Buffet zur Verfügung gestellt. Auch das Frühstück mit ‚befrüchtetem‘ Grieß- und Reisbrei ist köstlich und vermag mich für meine beiden Tageswanderungen auf der Insel ausreichend mit Energie zu versorgen.

Staubige Hauptstraße in Olchon. Rechts und links Strommasten und kleine Häuser. Rechts fährt gerade ein Minibus los.
Die staubige Hauptstraße der Hauptstadt Chuschir.

Als ich mich zur Abenddämmerung erstmals auf das Ufer zubewege, verspüre ich ein bislang unbekanntes Gefühl des Reiseglücks und der Freiheit. Dies ist der vermutlich schönste und inspirierendste Ort, den ich bisher besucht habe. Orange-braun-leuchtende Sanddünen, geschmückt mit bunten Stoffbändern an Holzpfählen und Bäumen. Einsame Lärchen, die sich langsam von ihrem Winterschlaf erholen, sich allmählich enteisendes Küstenwasser, und zu hören und zu riechen sind…nichts als der frische Wind.

In diesem Moment wollen sich meine zeitweiligen Tränen nicht recht entscheiden, ob sie sich auf die Überwältigung, oder doch bloß auf die eisig herüberwehenden Windböen zurückführen lassen wollen. Ich fühle mich für die Reisestrapazen – wenn es denn solche sind – final belohnt, lege mich auf die Klippfelsen und genieße den fantastischen Sonnenuntergang.

Schamaneninsel Olchon. Links von bunten Bändern umwickelte Pfähle auf braun-erdigem Untergrund. Umgeben von größeren Steinen.
Bunde Gebets- und Opferbänder werden an Bäume und Pfähle gebunden. „Weltenbäume“ stellen die Verbindung zwischen Unter-, irdischer und himmlischer Welt her.

Und dann ist da natürlich noch der Schamanenfels (скала Шаманка) am Kap von Burchan, das Heiligtum der Burjaten. Diese exponierte Haupt-Sehenswürdigkeit habe ich mir natürlich schon am Abend angesehen, und von hieraus starte ich auch am Morgen meine Freestyle-Wanderung auf der Insel. Die Burjaten, die den Großteil der Olchoner Bevölkerung ausmachen, sind eine eng mit den Mongolen verwandte ethnische Gruppe, welche das um den Baikalsee gelegene Gebiet Sibiriens lange vor dessen Eingliederung in das Russische Reich besiedelte.

Mittig-links kahler Baum auf Hügel bei Sonnenuntergang über dem Baikalsee. Orange-Blauer Horizont. Rechts das Wasser des Baikals.
Fantastischer Sonnenuntergang mit Lärchen-Flavor.

Kultur und Leben der ursprünglich nomadisch lebenden Burjaten orientierte sich traditionell an einer animistisch-schamanischen Religion und Weltanschauung. Unter dem Einfluss der Mongolen konvertierten sie seit dem 19. Jahrhundert zunehmend zu einer tibetisch geprägten Form des Mahayana-Buddhismus. Noch heute zeigt sich hier eine Mischung von buddhistischen und schamanischen Traditionen und Heiligtümern. Letzteres manifestiert sich besonders am Schamanenfelsen, in dessen Höhle Legenden zufolge der „Gott des Baikals“ residiert, und der zu einem mystischen Ort für schamanische und buddhistische Rituale wurde.

Selfie vor dem Schamanenfels. Ich rechts im Bild blicke an der Kamera vorbei, mit einer Träne im rechten Auge. Im Hintergrund mittig der Schamanenfels im Baikalsee. Einige Eisschollen sind zu sehen.
Im Angesicht des Schamanenfelsens und des tauenden Baikals fließt auch mal eine Träne.

Allein auf meiner ersten Erkundung der Umgebung Chuschirs treffe ich auf landschaftliche Vielfalt, die auch mit interessanten, gefühlten Temperatur-Unterschieden einhergeht. Tatsächlich wechsele ich mehrfach meine Kleidung: direkt am Ufer des Sees fröstelt es mich noch, während ich nach kurzem Aufstieg bereits zu schwitzen beginne. Es herrscht frühjährliches Tauwetter. Ich sehe, wie das Wasser des Sees wellenhaft versucht, die Eisschollen Richtung Land zu treiben. Bisweilen knackt es, bisweilen kreucht und fleucht es. Schollen treiben aus, trennen sich, Wasservögel landen und flanieren auf dem Eis. Ein schönes Naturschauspiel an einem einzigartigen Ort.

Der Baikalsee ist zwar nicht der großflächigste, dafür jedoch der wasserreichste Süßwassersee der Welt. Mit einem Volumen von 23615 km3 enthält er die 490-fache Wassermenge des Bodensees und damit auch 20 % (!) der weltweiten Süßwasservorräte. Oder, um ein praktischeres Beispiel anzubieten: der Baikalsee erstreckt sich über die Fläche von 4442857 (ca. 4,4 Millionen) Fußballfeldern (Referenz: Olympiastadion Berlin) und das Volumen von 3264445673209842 (ca. 3,3 Billiarden) Fußbällen.

Noch frostiges Tauwetter an der Küste freut die Vögel. Frühlingswärme auf dem Berge freut die einsame Lärche.

Auf einem Hügel nahe Chuschir finde ich einen kleinen Friedhof, der in Teilaspekten an osteuropäische/slawische Ruhestätten erinnert, andererseits auch mir noch fremde Merkmale zeigt. Nun ist es so, dass ich nicht weiß, wie Bestattungen auf dieser wenig besiedelten Insel geregelt werden, und inwiefern man geeignete Orte schlichtweg anhand frei verfügbarer Flächen definiert. Hier befinden sich die Gräber tatsächlich mitten auf einer Grasfläche und sind einzeln durch Metallzäune abgegrenzt. Der Stil der Grabsteine mit den Fotos der Verstorbenen kommt mir bekannt vor.

Hinzu kommen die Beigaben von Gläsern und Tellern an einzelnen Stätten. Offenbar kommen Angehörige zum Grab und trinken gemeinsam mit dem/der Verstorbenen, oder hinterlassen Glas und Brot als Gabe. Dies scheint ein (nicht orthodoxer) gesamtrussischer Brauch zu sein, dessen Prinzip der gestischen Versorgung mit Lebensmittel auch weder schamanistischen noch buddhistischen Traditionen widerspricht.

Ruhestätten in der Nähe von Chuschir, metallern eingezäunt und mit Schnapsgaben.

Am zweiten Tag laufe ich entlang der Küste in Richtung Norden. Ich wandele hier auf Sandstränden und auf Steilküsten, beobachte das Tauen der Eisschollen, und bisweilen auch das Treiben von Einwohnern, die ich nur vereinzelt in der Ferne sehe. Die leicht zu erreichende, durch die Weite getriggerte Einsamkeit und die Ferne von dem, was wir „Zivilisation“ nennen, ist vielleicht das Faszinierende an dieser Insel. Obwohl ich mich ja nicht mal an den abgelegensten Orten aufhalte. Und so werde ich auch prompt aus meiner Ruhe gerissen, als eine Gruppe männlicher Touristen mit ihren Quads den Strand entlang brettert.

Ich sitze am steilen Ufer des Baikalsees, rechts im Bild. Links der Sandstrand von Olchon. Weit im Hintergrund mittig der Schamanenfels.
Weiter Blick in Richtung Schamanenfelsen.

Naja, okay. Man kann sich hier also offenbar auch motorisierte Vierräder leihen. Ich sollte auch erwähnen, dass ich zur Nebensaison – also weder Winter noch Sommer– hier bin und anhand der mancherorts sichtbaren Hinterlassenschaften lediglich erahne, dass sich der ein oder andere hier in den Sommerferien sicher auch mal zum geselligen Umtrunk einfindet. Tatsächlich scheint es ein – auch mit dem Tourismus zusammenhängendes – Problem mit der Müllentsorgung auf Olchon zu geben. Dies betrifft sowohl Festabfall als auch Abwasser. Und mit einer sympathischen Gruppe zuverlässiger, organischer Abwasserlieferanten würde ich auch noch mein Vergnügen haben.

Blick über den blauen Baikalsee mit restlichen Eisschollen am Ufer. Ich halte einen Stein in der Hand. Links unten im Bild.
Das Nordkap der Insel ist mehr als einen Steinwurf entfernt.

Die Kuh ist vom Eis

Denn ich bekomme Gesellschaft von Rinderherden, die hier frei umherwandern und weiden, die Klippen hinabklettern oder sich im kalten Baikal-Wasser frisch machen. Einige Einzelgänger:innen sind auch unterwegs und zeigen ganz entspannt und selbstbewusst ihr ungewöhnliches Talent über blankes Eis zu marschieren. Vielleicht nicht ganz elegant, aber völlig Sturz-frei. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, der mit frischem Grasfein oder kühlem Süßwasser belohnt wird. Einige dieser Tiere – eigentlich die meisten – sehen etwas ausgemagert aus. Dies hat den Grund, dass gefuttert wird, was auf die Wiese kommt, und das grüne Nahrungsangebot im April/Mai noch nicht ganz so reichhaltig ist.

Rinder auf Solopfaden. Zu Wiese, zu Strand und zu Wasser.

Eine dieser Solist:innen versucht sich erfolgreich an einer großen Scholle mit blutroter Färbung. Ich habe nicht das Equipment dabei, dies zu analysieren, aber dabei handelt es sich wahrscheinlich um die Besiedlung von sogenannten Schneealgen, die sich mithilfe des rotfarbenen Carotinoid-Farbstoffs „Astaxanthin“ gegen die Sonneneinstrahlung schützen. Der Farbstoff wird auch wegen seiner anti-oxidativen Funktion als gesunder Nahrungsmittelzusatz gehandelt. Tja, wäre die Kuh mal auf dem Eis geblieben und hätte es nicht verschmäht – sie wäre steinalt geworden. Dann friss halt dein olles Gras, du blöde Kuh!

Baikal polychrom. Die rote Färbung des Eises ist (höchstwahrscheinlich) auf Schneealgen zurückzuführen.
Diese Kuh zieht es vor, vom frischen Grün denn vom kalten Rot zu naschen.

Am Abend mache ich es mir noch im „Bistro Francais“, das sich auf Nikita’s Areal befindet, gemütlich und komme hier mit den Mitarbeitern ins Gespräch. Wir tauschen und über unsere Reiseerfahrungen und -pläne aus. Ich bekomme Tipps zu Vietnam und Auskunft über die Fischfaune des Südchinesischen Meeres zur Regenzeit. Ausschweifende Reisepläne wie der meine bringen immer wieder Gespräche in Gang. An Orten wie diesem Homestay ist man natürlich nicht überrascht, denn viele Leute, die einen Abstecher hier hermachen, befinden sich auf einer längeren Reise. Manche Reisende trifft man unterwegs zweimal, in verschiedenen Ländern ohne sich zu verabreden.

Einige Orte gehören eben zu den Must-Sees unter Backpackern. So auch der Baikalsee. Ich bekomme an diesem Abend daneben noch Einblicke in das lokale Fischereiwesen und andere wirtschaftliche Besonderheiten der Insel – freilich aus erster Hand. Ich bedaure, dass dieser kurze Aufenthalt am nächsten Morgen schon wieder sein Ende finden wird. Aber so ist es, und so wird es sich die nächsten Wochen und Monate fortsetzen. Wer vieles sehen will, sieht vieles nur kurz.

Ich laufe in der Mitte des Bildes auf einer Sanddüne an der Küste des Baikalsees und blicke nach rechts. Von oben Sonnenstrahlen, die die weißen Wolken durchdringen. Vor mir ein kahler kleiner Baum. Dahinter das Wasser des Baikals.

Nachdem ich in Krasnojarsk bereits begeistert von dem kurzen sibirischen Outdoor-Erlebnis war, habe ich hier auf Olchon, am heiligen Baikalsee den vorläufigen Höhepunkt meiner Reise erlebt. Ich stelle fest, dass es keinen Grund gibt, hier her nicht nochmal zurückzukehren.

Man sollte bei all der Romantik und Begeisterung natürlich aufpassen, nicht einer totalen Verklärung zu verfallen. Das Leben auf dieser Insel ist für viele der Einheimischen sicher kein Streichelzoo. Der zunehmende Tourismus bietet gewiss nennenswerte Ein- und Auskünfte für einige Bewohner – mit den üblichen ökologischen Begleiterscheinungen. Doch gibt es nach wie vor kein fließendes Wasser, keine befestigten Straßen, und die Arbeitslosigkeit ist durch die Saisonalität der Berufe sowie durch politische Einschnitte in der Fischereiwirtschaft relativ hoch.

Mir ist abends ein betrunkener Mann auf dem Gelände der Unterkunft begegnet, der mich nach Geld fragte. Nicht aggressiv, aber bestimmt und offensichtlich in Not. Immerhin: bei meiner Ankunft wurde mir gesagt, ich müsse meinen Reisepass auf der Insel nicht mitführen. Es gäbe eh keine Polizei. Ich hielt das für ein gutes Zeichen. Offenbar wird aktuell (2021) diskutiert, eine Brücke nach Olchon zu bauen, die zumindest einige Probleme wie jenes der Abwasserentsorgung oder der Gasversorgung lösen könnte. Ich bin gespannt, wie sich die Insel im Laufe der nächsten Jahre entwickelt. Im Jahr 2016 erschien sie noch wie eine Fata Morgana aus einer früheren Zeit.


Zurück in Irkutsk am 9. Mai

Meine Rückfahrt nach Irkutsk ist für den Morgen des 9. Mai gebucht. Erst unterwegs fällt mir auf, dass ich wohl die wesentlichen Feierlichkeiten zum Tag des Sieges verpassen würde. Ärgerlich. Nicht mitgedacht. Nun denn, es hilft ja nichts. Ich genieße die Fahrt und die letzten Blicke auf diesen mystischen Ort, auf die kargen und doch faszinierenden Landschaften, die sich mir bei dem Verlassen der Insel bieten. Und diesmal mit Fensterplatz.

Nach meiner Rückkehr nach Irkutsk bestätigt sich, dass die offiziellen Feierlichkeiten zum 9. Mai gerade zu Ende gegangen sind. Ich ärgere mich erneut, dass ich das alles nicht besser geplant habe. Andererseits sollte an diesem Tag dann doch noch – weniger offiziell – weiter gefeiert werden. Offenbar ist dieser Feiertag bei jungen Leuten auch Anlass, das zu tun, was junge Leute an Feiertagen gerne tun. Zurück im Hostel wurde ein kleines Barbecue inklusive Shisha und Tiger Beer vorbereitet. Auch Freund:innen des Hauses schauen vorbei und ich werde als (fast) einziger aktueller Gast herzlich eingeladen.

Mit einer Nachschub-Versorgung einiger Dosenbiere aus dem nächsten Supermarkt darf ich auch selbst etwas dazu beitragen (jedoch nicht selbst bezahlen, versteht sich). Der Tag feiert sich so dahin. Ich fühle mich irgendwie verhätschelt. Als hätte man manche einheimischen Gäste eingeladen, um mich zu unterhalten. Über Aufmerksamkeit konnte ich jedenfalls nicht klagen, und in Irkutsk hatte ich damit die Gelegenheit, mich vor allem mit Menschen aus der Region zu unterhalten. In den meisten Hostels kommt man fast zwangsläufig mit Leuten ins Gespräch. Jedoch sind es meistens andere Reisende.

Ich stelle hier wie auch andernorts (besonders in China) jedoch fest, dass ausländische Gäste bisweilen auch zum Trainieren der Englischkenntnisse geschätzt werden. Und so bieten sich diverse interessante Möglichkeiten zum kulturellen Austausch. Ich werde schließlich für den nächsten Tag von Olga, einer anwesenden Mitarbeiterin des Irkutsker Dekabristenmuseum zu einer Gratisführung dorthin eingeladen. Man würde mich um 13:00h abholen. Eigentlich eine komfortable Uhrzeit, um ein Halbtagesprojekt zu starten. Doch dann suche ich am späteren Abend noch die „Library Bar“ auf, für die das Hostel Rabattmarken ausgibt. Dort schenkt man den besten Vodka-Lemon der Stadt aus, so heißt es. Hausmarke.

BBQ, Bier aus Singapur und Shisha-Genuss am 9. Mai in Irkutsk.

Es ist eigentlich schon sehr spät als die Leute sich in die Nacht verabschieden, doch ich folge der Verlockung mich von der lokalen Irkutsker Longdrink-Kunst zu überzeugen, im Alleingang. Der Abend entwickelt sich sehr ausschweifend, mit interessanten Unterhaltungen teilweise ernsten Inhalts. Ein junger Mann aus Krasnojarsk, der gerade seinen Job gekündigt hat, um „etwas zu reisen“, was ihn nach Irkutsk geführt hat. Er erzählt mir zudem ausgiebig von seinen weiteren Plänen.

Als er mir sagt, er wolle nach Donezk (Донецк) reisen, um dort für sein Vaterland zu kämpfen, bin ich erschrocken. Ich bin der Meinung, dass er das lieber lassen solle, sage ihm das, und vermag es freilich nicht, ihn zu überzeugen. Möglicherweise wäre ich ohne den – in der Tat vorzüglichen – Vodka-Lemon eher meinem Grundsatz treu geblieben, während der Reise auf politische Diskussionen mit Locals zu verzichten. Oder wie es Olga, die Mitarbeiterin des Dekabristenmuseums, zuvor in anderem Zusammenhang formulierte: „Arguing is pointless!“. Punkt.

Bei Vodka-Lemon nach irkutsker Hausmannsart kommt man ins Gespräch mit netten Menschen und zwei Hand voll Fingerfertigkeit für den iPhone Lifehack.

Am nächsten Tag verschlafe ich amtlich meine Verabredung für die Museumstour. Beziehungsweise, ich wache gerade rechtzeitig auf, als ich abgeholt werde. Ich entschuldige mich, mache mich frisch und werde dann freundlicherweise doch noch mitgenommen. Die Dekabristen (Декабристы) waren eine liberale, revolutionäre Bewegung aus Armee-Offizieren, die sich im Dezember 1825 zum Aufstand gegen das Zarentum vereinigte. Das Museum erinnert an deren Geschichte, die Verbannung nach Sibirien und – vor allem – an die Frauen, die ihren Männern gefolgt sind und wegen ihrer gemeinnützigen Aktivitäten in Irkutsk verehrt werden.

Allein das Gebäude des Museums ist äußerst sehenswert und auch die Besichtigung der Ausstellung lohnt sich. Sicher auch ohne Bar-Eskapaden am Vorabend. Dann auch mit der Fähigkeit den Fotoapparat zu bedienen. Der stadtbeste Vodka-Lemon hat tatsächlich seine Wirkung entfaltet, und mich weitgehend handlungsunfähig gemacht. Nach dem Museumsbesuch werde ich noch in ein hippes Bistro geführt und eingeladen, wo weitere Freund:innen hinzustießen, die mir eine handgefertigte Postkarte als Willkommensgruß überreichten. Eine weitere liebevolle Demonstration russischer Gastfreundlichkeit.

Miniaturisierte Kopie des Eiffelturms in der Ulitsa Uritskogo (Улица Урицкого).

Den Rest des Tages und meines Aufenthaltes in Irkutsk spaziere ich auf bereits bekannten, wie auch auf neuen Wegen durch diese schöne Stadt, um mich würdig von ihr zu verabschieden. In der Fußgängerzone entdecke ich schließlich noch – als Gegenstück zu dem bereits gesichteten Big Ben-Plagiat – einen Miniatur Eiffelturm. Auch in Irkutsk gibt man sich Mühe, eine nette innerstädtische Atmosphäre zu schaffen. Eigentlich wie in allen bisher besuchten russischen Innenstädten. Schweren Herzens würde ich am nächsten Tag wieder abreisen, doch ich freue mich auch schon darauf, was mich in Ulan-Ude erwartet.

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