Im Bus nach Litang – Eine spannende Tour durch den Westen Sichuans

Der Westen der chinesischen Provinz Sichuan gehört als Teil der kulturhistorischen Provinz Kham (ཁམས, 康) zum tibetischen Kulturraum und kann weitgehend (aber nicht überall) ohne Einschränkung touristisch bereist werden. Bustouren durch diese Region sind beliebte Optionen vieler Backpacker, die sich eine kostspielige Rundreise durch die autonome Provinz Tibet nicht leisten können oder wollen. Ein beliebtes Ziel ist die autonome Präfektur Garzê (auch: Ganzi, དཀར་མཛེས, 甘孜藏族自治州) im Nordwesten Sichuans, in der gut 1 Million Menschen leben. Davon machen Tibeter mit einem Anteil von 78,4 % die deutliche Mehrheit aus (Stand 2019, Quelle: baidu). Das ist kulturell deutlich zu spüren. Viele Orte sind berühmt für ihre Lama-Klöster. Kleine Bergdörfer mit weißen Stupas und buddhistischen Tempeln statt Riesen-Metropolen mit Konsumtempeln. Eine Reise vom Osten in den Westen Chinas ist eine Reise in eine andere – spirituelle – Welt.

Erste Etappe: Mit dem Bus von Chengdu nach Kangding

Der Weg nach Litang und in andere interessante Orte in West-Sichuan ist vergleichsweise beschwerlich. Schnellzug-Verbindungen sind noch nicht etabliert. Es gibt einige Hauptstraßen, auf denen man das tibetische Hochland per Bus, „Sammeltaxi“ oder per Anhalter erkunden kann. Der klassische Ausgangspunkt ist die Provinzhauptstadt Chengdu im Westen des Sichuan-Beckens. Von hier aus fahren Busse auf der legendären Nationalstraße G318 direkt hinauf auf 2560 Meter. Dort befindet sich das Drehkreuz des west-sichuanesischen Busverkehrs: Kangding (དར་རྩེ་མདོ།, 康定市), größte Stadt der Garzê-Präfektur und ideal gelegen, um sich langsam an die Höhenluft zu gewöhnen.

Reisebus nach Kangding an einem kleinen Bus-Bahnhof
Öffentlicher Bus von Chengdu nach Kangding.

Die Busfahrt nach Kangding dauert 7 Stunden und ist damit eine auch halbwegs anstrengende Tagesunternehmung. Die Steigung – hinauf auf das tibetische Plateau – und die dazugehörigen Windungen sind deutlich zu spüren. Allerdings noch etwas weniger herausfordernd als auf der zweiten Etappe nach Litang… aber die Umgebung ändert sich: Berge, Schluchten, Nebel, es wird kühler. Wir überholen viele sportliche Menschen in Regenmontur, die der Herausforderung gewachsen sind, den zähen Aufstieg Richtung Wolkengrenze auf dem Mountainbike zu meistern.

Vernebelte Berglandschaft mit Fluss und Serpentinen.

Nach einigen Stunden und Höhenkilometern gibt es eine längere Pause. In einer Raststätte mit Selbstbedienung. Ich bin überrascht, dass ich keine Probleme habe, etwas veganes (oder zumindest fleischfrei wirkendes) zu Essen zu finden. Ein großer Topf mit Seiden-Tofu, Nudeln, Reis, scharf eingelegtes Gemüse… Ich bin zudem überrascht, dass der junge Chinese vor mir genau die gleiche Auswahl trifft wie ich, zumal Vegetarismus in China kein allzu gängiges Konzept ist. Mit ihm werde ich aber später noch interessante Erlebnisse teilen.

Leute stehen in einer chinesischen Kantine mit ihren Tabletts an. Im Vordergrund ein großer Topf mit gekochtem Tofu.
Eine Menge gekochter Seiden-Tofu in der Raststätte.

Im Vergleich zu der zweiten Etappe nach Litang fordert diese Strecke die Schwindelfreiheit und das Wohlbefinden des Magens noch relativ wenig heraus. Wir befahren zwar Serpentinen und erklimmen spürbar höhere Ebenen… aber es ist recht viel Verkehr und es geht langsam voran. Alles entspannt. Ich blicke aus dem Fenster, versuche die Region für mich einzuordnen. Ein an sich idyllisches Hochland mit Strömen, die tief-grüne Gebirge durchbrechen. Und… Staudämme… feuchtfröhlich effiziente Energiequellen. In China – auch an den großen Flüssen, die dem Hochland entspringen – werden viele Staudämme errichtet. Die Wasserkraft trägt mit einem Anteil von 18 % wesentlich zur chinesischen Stromerzeugung bei und ist eine wichtige Teilstrategie auf dem Weg zu einer emissionsfreien Energiewirtschaft (Quelle: ingenieur.de).

Offene Talsperre in den Bergen von Sichuan.
West-chinesische Ingenieurskunst auf dem Weg nach Kangding.

Dennoch sind diese Staudämme aus unterschiedlichen – auch ökologischen – Gründen umstritten, und der Umfang der entsprechend vollendeten und noch voranschreitenden Bauprojekte zeigt sich hier an den kräftigen Nebenflüssen des Jangtse ganz besonders.

Überhaupt wird vieles errichtet. Gebaut, verbunden. Kaum ein Berghang, auf dem sich nicht eine Armada an Strommasten selbstbewusst aufreiht. Die Wasserkraft wird nicht verschwendet. Kahlschläge und Bergwerke. Tunnel beginnen, die Berge zu penetrieren. Die Sichuan-Tibet-Bahn soll in wenigen Jahren die Verkehrswege nach Tibet um eine effiziente Hochgeschwindigkeits-Route erweitern. Bauprojekte, die den Westen des Landes wirtschaftlich weiter in die Nähe des hoch entwickelten Ostens rücken sollen.

Eine Frau steht auf der Ladefläche eines  kleinen Fahrzeugs. Davor fährt ein Betonmischer.
Im Kleinwagen dem Betonmischer auf der Spur.

Nach 6 Stunden erreichen wir Kangding. In einem Busbahnhof, der sich in einem Hinterhof nahe dem Eingang der Stadt befindet. Am Zugang zum Hof stehen einige Männer mit Hüten, die ihre alternativen Fahrdienste zu den einschlägigen Orten lautstark feilbieten: „Liiiiitang, Liiiitang….“.

Tipps zur Bustour nach Kangding

  • Tickets: 115 – 135 Yuan (~16 – 20 €), am besten am Vortag direkt am Schalter der Xinnanmen Bus Station (Chengdu) bzw. Kangding Bus Station kaufen. Es fahren einige Busse pro Tag. Ich empfehle, einen frühen Bus (7:40 oder 8:40) zu nehmen, da die Fahrt länger als geplant dauern kann.
  • Fahrt: 5 – 7 Stunden. Das scheint vom Verkehrsaufkommen abzuhängen. Ich war 7 (hin) bzw. 6 (zurück) Stunden unterwegs.
  • Sonstiges: Das Essen in der Raststätte ist gut, günstig und alles wirkt hygienisch. Etwa Wasser zum Trinken würde ich für die Fahrt jedoch empfehlen. Die öffentlichen Toiletten unterwegs sind nicht immer „privat“. Trockenhefe-basierte Tabletten gegen Reisedurchfall sind allgemein eine wirksame Strategie, um die WC-Nutzung zu vermeiden.

Kangding (康定)

Nun befinde ich mich also zum ersten Mal im tibetischen Kulturraum. Kangding – auf tibetisch: Darzêdo ( དར་རྩེ་མདོ) – gilt zwar nur als Zwischenstation bei Reisen ins Hochland, ist aber für sich bereits spannend zu besichtigen. Ich finde den hier zu beobachtenden Wettbewerb zwischen Wolken und Bergen um die Lufthoheit bereits sehr eindrucksvoll – auch angesichts der darin eingebetteten tibetischen Häuser.

Vom Nebel verschleierte Berge in Kangding. Im Vordergrund tibetische Häuser.
Ein wolkig-nebliger Tag in Kangding.

Kangding ist eine schluchtige, in die Länge gezogene Stadt, durch die der Fluss Zheduo (折多河) mit einer beeindruckenden Kraft und Geschwindigkeit rauscht. Am Tag imponieren mir die umgebenen Berge, die bis auf etwa 4000 Meter die Wolkendecke durchbrechen, und deren Felswände vielerorts mit Gemälden und (vermutlichen) Mantras in tibetischer Schrift geschmückt sind. Bei Nacht – oder am fortgeschrittenen Abend – ist alles hell und bunt beleuchtet, wie es in chinesischen Städten nun mal üblich ist. Und in tibetisch dominierten Städten offenbar auch. Der Fluss gewinnt durch die Beleuchtung und die kontrastierenden umgebenden Felswände eine noch imposantere Wucht.

Beleuchteter Fluss bei Dämmerung in Kangding.
Der Fluss Zheduo nach der Dämmerung.

Nicht nur wegen der Symbolik an den Felsen ist tibetisches Leben hier überall sichtbar, hörbar und spürbar. Schilder sind häufig zweisprachig, auf den Plätzen wird abends zu tibetischen Klängen getanzt: besonders Frauen in traditioneller Kleidung formieren sich vor der Kulisse einer schmucken, goldenen Wand. Oder hinter einer riesigen, rotierenden Gebetsmühle.

Eine große Gebetsmühle im Zentrum von Kangding.

Als kleiner Fan von Bronze-Skulpturen werde ich direkt in der Nähe des Busbahnhofs für die Reisestrapazen belohnt. Am alten Stadttor ist eine Gruppe bronzener Mönche und Arbeiter dargestellt. Menschen, die große Pakete frisch geernteten Tees schleppen. In Gedenken an die Pioniere der Region und der Stadt. An jene, die diesen Ort und diese beschwerlich zu begehende Region wirtschaftlich erschlossen und versorgten. Kangding, das Tor nach Tibet – aus chinesischer Perspektive.

Mehrere Bronzefiguren vor dem alten Stadttor von Kangding. Im Hintergrund die vernebelten Berge.
Bronzestatuen symbolisieren den historischen Charakter der Stadt und das Vermächtnis seiner Bewohner.
Weibliche Bronzestatue mit geflochtenem Zopf, auf einem Bronzefels sitzend. Im Hintergrund ein grüner Hügel und ein Haus mit chinesischen Schriftzeichen.
Schöne Kunst vor einzigartiger Kulisse.

Wenn ich schonmal umgeben von Bergen bin, denke ich im Hostel, dann gehe ich auch mal einen besteigen. Ich bin mir etwas unsicher, ob ich dies alleine tun soll. Das Wetter ist nicht besonders vielversprechend und organisierte Bergwacht ist in China kein Konzept, habe ich gehört. Mit muttersprachlicher Gesellschaft würde ich mich wohler fühlen.


Beautiful Mountains in Kangding – Eine Wanderung ins Gewitter

Im Hostel komme ich mit einem chinesischen Zimmer-Genossen ins Gespräch. Yang ist jener junge Mann, der sich in der Raststätte ebenfalls ausschließlich mit vegetarischer Kost eindeckte. Er liegt in seiner Koje und starrt auf sein Smartphone. Wirkt nicht gut gelaunt. Er erzählt mir, er würde noch weiter nach Daocheng (tibetisch: Dabba, འདབ་པ་རྫོང།) fahren, um dort durch die Berge zu wandern. Verlängertes Wochenende. Ich frage, ob er mir hier beim Bergwandern Gesellschaft leisten möchte. Er spricht mit ernster Miene und bestimmtem Tonfall: „I think the mountains here are not so beautiful!“

Blick hinab ins Tal der Stadt Kangding. Die grünen Berge um Kangding mit Strommasten und starker Bewölkung.

Ich stimme insofern zu, als ihn in Daocheng sicher noch etwas more beautifulle Berge erwarten dürften. Aber das mache die hiesigen ja nicht gleich hässlich. Und er hätte schonmal ein wenig Höhentraining. Er erwidert: „I think the mountains here are not so beautiful!“. Okay, hartnäckig! Ich argumentiere, dass die Mountains hier bestimmt more beautiful seien, als die Perspektive, den ganzen Tag in der Koje zu liegen und aufs Handy zu starren. Eine Mitarbeiterin des Hostels habe mir auch schon den Tipp gegeben, der Hausberg Kangdings sei an einem halben Tag mit relative wenig Anstrengung zu erklimmen. Letztlich überzeuge ich ihn. Nicht unbedingt von meiner Meinung, aber immerhin davon, mich zu begleiten.

Ein Rind mit Hörnern kommt auf einem Wanderpfad um die Ecke und blickt in die Kamera.
Wir betreten das Revier anderer – und werden erwischt.

Wir benötigen weniger als 30 Minuten, um den Zugang zum Aufstieg zu erreichen. Auch wenn es einige Nachfragen bei Anwohnern bedarf. Dann geht es los. Es ist steil und schwül. Anstrengend. Yang ist (jünger und) fitter als ich, und ich bin derjenige, der die Verschnaufpausen initiiert. Wir sind nicht ganz alleine. Hier und da kommen uns Rinder und Yaks auf dem Pfad entgegen. Sie tun uns nichts, aber signalisieren Heimrecht. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Tourist:innen gewohnt sind. Aber menschliche Aktivitäten sind überall ersichtlich.

Ich in der Hocke vor einer kleinen Herde von fünf Yaks.
In friedlicher Gesellschaft.

Neben den Ausläufern der Zivilisation, den zahlreichen Strommasten, stoßen wir auf einige Grabmäler. Teilweise massiv-betonende Grabsteine mit Christus-Kreuz, teilweise – und häufiger – einfacher gestaltete Grabhügel aus Steinen, die zum Teil mit Zement zusammengekittet sind. Versehen mit Fähnchen oder silberner Folie, die auch die umgebenden Bäume schmückt. Yang erklärt mir hier ein wenig über die Unterschiede zwischen Han chinesischen und tibetischen Grabstätten – auch im Hinblick auf die religiös-gesellschaftliche Hierarchien. Die Symbolik des Folienschmucks ist ihm aber auch nicht bekannt.

Tibetischer Grabhügel aus Steinen und Zement.
Einige schlicht gestaltete Grabhügel finden sich auf dem Weg zum Gipfel.

Wir sind bereits über zwei Stunden unterwegs und nähern uns sicher dem Gipfel. Aber es wird uns auch zunehmend mulmig. Denn es ziehen sich nicht nur die Wolken dichter zusammen, sondern auch der ein oder andere grummelige Donnerschlag ist zu hören… immer deutlicher und bedrohlicher. Der Wind tut sein übrigens, sodass wir uns dazu aufgefordert fühlen, den Rückzug anzutreten. Schade, es wären vielleicht noch 30 Minuten gewesen. Aber im Auge eines Unwetters? Not so beautiful

Grüne Berge von Kangding mit Srommaten und Gewitterwolken.
Es braut sich was zusammen über Kangding.

Wir gehen nach dem raschen Abstieg dann zur Belohnung noch gemeinsam etwas essen. Yang lädt mich ein. In China wird man als ausländischer Gast immer eingeladen. Auch wenn ich technisch nicht Yangs Gast bin, sieht er mich als Gast seines Landes, und die Etiquette sieht vor, mich zu umsorgen. Diese Erfahrung mache ich hier grundsätzlich, wenn ich in engeren Kontakt mit Chines:innen komme. Yang erklärt mir, dass er tatsächlich Vegetarier sei. Nicht aus Empathie, wie er meint, sondern weil er Fleisch schlicht nicht möge. Im Restaurant gibt er der Bedienung entsprechend Anweisungen, die lokalen Spezialitäten fleischfrei zuzubereiten. Ich verstehe zwar nicht, was gesprochen wird. Aber er nimmt einen – gelinde gesagt – autoritären Ton an, und es wird hitzig diskutiert. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, kann aber nichts tun. Eine Frau am Nachbartisch kann sich das Grinsen nicht verkneifen. Eines der Gerichte – eine Tofu-Suppe – schmeckt etwas merkwürdig. Ich bin nicht überrascht, dass er dies der Kellnerin miesepetrig mitteilt. Die Suppe wird abgeräumt. Alle anderen Gerichte waren aber lecker. Sichuan-Küche. Scharf und würzig. Ich bedanke mich bei Yang, befürchte jedoch, die Kellnerin fand sein Benehmen not so beautiful….

Ein Berg erhebt sich vor einer Hauptstraße von Kangding.
Letzter Blick auf den Hausberg.

Tipps für Kangding:

  • Plane mindestens zwei Nächte in Kangding ein, bevor du weiter in die Höhe reist
  • wegen der frühen Abfahrtszeit des Busses nach Litang empfehle ich eine Unterkunft nahe dem Busbahnhof
    • ich war (2016) im Kangding Konka International Youth Hostel, das nur wenige Minuten zu Fuß stadteinwärts entfernt liegt und für wenig Geld eine tolle Aussicht bietet
  • in der Stadt gibt es zahlreiche chinesische und tibetische Restaurants, aber auch westliche Kost im Himalayan Coffee (normalerweise bevorzuge ich lokale Spezialitäten – nach der zünftigen Busfahrt von Litang waren die seichte Pizza mit ´ner Cola aber doch genau das richtige)
  • Kangding ist ein touristischer Ort: Viele Geschäfte sind dreisprachig beschriftet (tibetisch, chinesisch, englisch) – aber erwarte keine allzu großen Englischkenntnisse von den Verkäufer:innen
  • Bei trockenem Wetter unbedingt dem abendlichen Squaredance auf den großen Plätzen (und an der großen Gebetsmühle) beiwohnen. Wegen Regens habe ich davon leider nur wenig mitbekommen
Ramschladen verkauft alles für 10 Yuan (All Ten Yuan). Das Ladenschild ist in Tibetisch, Chinesisch und Englisch verfasst.
Dreisprachig für Sparfüchse. Alles für ~1,50 €

Zweite Etappe: Mit dem Bus von Kangding nach Litang

Ein voller Tag in Kangding, inklusive Aufstieg zum Hausberg, sollte zur Akklimatisierung an die Höhenluft ausreichen. Es geht weiter Richtung Westen. Um 8 Uhr in der Früh geht es los. Im Bus nach Litang. Eine achtstündige Busfahrt steht an. Ich bin ein wenig nervös, da es in einigen Fällen vorkommt, dass Ausländern an Checkpoints der Zugang zu wichtigen tibetischen Städten verwehrt wird. Das ist wohl nicht immer vorherzusehen.

Moderner Reisebus bei einer Pause vor einem grünen Hügel in Sichuan.
Der Reisebus von Kangding (康定) nach Litang (理塘 ).

Auf dieser Fahrt geht es schon etwas derber zur Sache. Es geht nun weiter aufwärts. Litang liegt bei ca. 4000 Metern. Zwischendurch erreichen wir sogar Höhen von mehr als 5000 Metern, bevor es wieder bergab geht. Die scharfen Kurven der Serpentinen provozieren den Magen. Die zunehmend dünne Höhenluft und die hohe Luftfeuchtigkeit strapazieren die Physis einiger. Auf der Hinfahrt hält sich das Resultat dessen noch halbwegs in Grenzen. Auf der Rückfahrt geht es jedoch richtig zur Sache… In chinesischen Fernbussen stehen in den Gängen immer einige Eimer. An den Sitzen hängen durchsichtige Plastikbeutel. Und die werden auch benutzt. Gefühlt wird auf der Rückfahrt jede:r dritte Mitreisende hörbar (und riechbar) krank. Unter anderem auch mein Sitznachbar. Muss man abkönnen.

Neu gebaute Serpentinen schlängeln sich durch die grünen Berge von Sichuan.
Nicht für jeden Magen geeignet.

Ich lenke mich mit den fantastischen Ausblicken ab. Denn die Landschaft wird zunehmend verwunschener. Auch im kulturellen Sinne. Buddhistische Mantras und Bilder an den Berghängen. Tibetische Häuser und Klöster mit goldenen Dächer fügen sich dominant in die Landschaft ein. Die Wolkendecke kommt näher. Jetzt bekomme ich endgültig das Gefühl, in einen mir noch unbekannten Kulturkreis einzudringen. Eine alte neue Welt. Kham. Tibet.

Grüne Hügel in Sichuan. Ein tibetisches Kloster mit goldenem Dach und Wohnhäuser betten sich in die Landschaft ein. Ein Mantra ist auf den Hügel geschrieben.
Blick aus dem Fenster auf ein tibetische Dorf.

Ich würde eine rasche Ankunft am Ziel begrüßen, doch auch auf dieser Strecke wird natürlich gerastet. An Toilettenhäuschen, die mittelmäßig appetitlich sind, und zum Aushalten einladen. An einer Kantine, wo der ein oder andere seinen Magen wieder auffüllt… Ich verzichte. Denn auch die Tüten bleiben vorerst im Bus. Ich möchte nicht in die Situation kommen, dazu beizutragen. Wir halten an einem Kiosk, wo ich mir immerhin ein süßes Getränk gönne. Immerhin.

Drei Männer vor einer öffentlichen Toilette in Sichuan.
Toilettenrast zwischen Kangding und Litang.

Zusammengenommen ist diese Busfahrt trotz der Aussicht ziemlich anstrengend und mindestens gewöhnungsbedürftig. Vielleicht ist es für viele empfehlenswert, diese Abschnitte mit einem privaten Fahrer zu bestreiten. Diese bieten ihre Dienste durchaus am Busbahnhof von Kangding an. Teilweise werden aber auch die Kapazitäten der genutzten PKW mit einer überhöhten Anzahl an Mitfahrenden überstrapaziert. Idealerweise sollte man klar kommunizieren, dass man die Mitfahrgelegenheit exklusiv nutzen möchte, und entsprechend mehr bezahlen.

Blick auf eine Straße bei über 4000 Meter in Sichuan. Das Tal ist Wolken-bedeckt.
Kurz vor dem Ziel bei circa 4000 Höhenmetern.

Als der Bus in Litang eintrifft, bin ich froh, diesen strapaziösen Teil meiner Reise hinter mir zu haben (von der Intensität auf der Rückfahrt noch nichts ahnend). So sehr ich das einfache und langsame Reisen mit den speziellen Reiseerfahrungen liebe… manchmal stoße ich an meine Grenzen. Und ich werde es doch wieder tun.

Tipps zur Bustour nach Litang

  • Reisezeitpunkt: wenn du von Chengdu aus anreist, lieber erstmal einen vollen Tag (2 Nächte) in Kangding an die Höhe akklimatisieren.
  • Tickets: 102 Yuan (~15 €), am besten am Vortag direkt am Schalter der Kangding Bus Station bzw. Litang County Bus Station kaufen.
  • Fahrt: 6,5 – 9 Stunden. Ich war 8 Stunden unterwegs, also deutlich länger als laut Fahrplan. Auf dem Weg kann es zu einigen hartnäckigen Staus kommen. Der Bus fährt in beide Richtungen morgens um 7:00 h.
  • Sonstiges: Die Straßen sind hier noch kurviger als zwischen Chengdu und Kangding. Und die Höhenlage eben bedeutend höher. Viele Leute – auch Einheimische – werden auf der Fahrt krank. Auch hier rate ich zu Vorkehrungen, um ein unangenehmes Malheur sowie unnötige WC-Besuche zu vermeiden. Leichtes, eventuell spätes Frühstück, Trockenhefe-basierte Durchfalltabletten. Unterwegs wird auch an Raststätten gehalten, wo man entweder in eine Kantine speisen oder sich in einer Art Kiosk mit Snacks eindecken kann. Ansonsten: Wasser nicht vergessen.

Litang (理塘 – ལི་ཐང།)

Bei der Ankunft in Litang stellt sich zunächst die Frage nach dem Hostel der Wahl. Es gibt zwei bekannte Optionen. Ein japanisches Pärchen aus meinem Bus macht sich mit mir auf die Suche. Sie sind verwundert, dass ich ganze zwei Tage Aufenthalt einplane. Das wäre doch nicht ungefährlich für mich als erkennbar westlichen Ausländer. Hmm… Offenbar hat man mir ja nun nicht den Zutritt zur Stadt verwehrt. Aber die beiden machen mich nervös. Tatsächlich ist die Polizeipräsenz hoch, und ich bin scheinbar der einzige Wessi in der 67.000 Einwohner-Stadt.

Tibeter in mit Gebetsmühle in der Hand läuft in Litang neben einem Polizeiwagen mit Blaulicht her.
An der Hauptstraße von Litang.

Litang zählt mit 4014 Metern zu den am höchsten gelegenen Städten der Welt (Vergleich: Lhasa, 3650 m – La Paz, 3600 m) und ist als Geburtsort des 7. Dalai Lama ein wichtiger Ort des tibetischen Buddhismus. So auch das ansässige Litang-Kloster (Chamchen Chökhorling, ལི་ཐང་དགོན་ཆེན), wo Klosterschüler in der buddhistischen Gelug– oder Gelbmützen-Schule ausgebildet werden. Eben jene Mönche mit den gelben Mützen sehe ich auf Straßen als wesentlichen Teil der Bevölkerung. Bei Nacht sehe ich die Polizei in gepanzerten Fahrzeugen durch die Straßen streifen. Ich entscheide mich für eine rein tagaktive Stadtbesichtigung.

Männer mit Hüten an einem Motorrad-Treffpunkt auf der Hauptstraße von Litang.
Treffpunkt junger Männer mit Motorrädern an der Hauptstraße von Litang.

Das Stadtbild hat hier nun endgültig nicht mehr viel mit dem China zu tun, wie ich es östlich dieser Region kennengelernt habe. Mehr als 90 % der Bevölkerung sind ethnische Tibeter. Ein eigener – traditioneller wie moderner – Kleidungsstil herrscht vor. Viele Männer tragen Hüte, viele Frauen geflochtene Zöpfe. Einige Menschen halten kleine Gebetsmühlen in ihren Händen. Die Straßenlaternen sind mit Gebetsmühlen verziert. Es ist staubig und feucht zugleich. Kein Fest für untrainierte Lungen. Mancherorts sieht es so aus, als käme sogleich ein Cowboy aus einem Saloon, um sich mit einem anderen Revolverhelden zu duellieren. Dann holen mich die heiligen Symbole wieder zurück auf das tibetische Plateau.

Gehweg in Litang. Im Vordergrund eine Frau mit Kind an der Hand. An den Laternen hängen Formen von Gebetsmühlen.

Was gibt es in Litang zu sehen?

In der Stadt selbst gibt es vergleichsweise wenige exponierte Sehenswürdigkeiten. Die Hostels bieten Touren in das umgebende Grasland und gegebenenfalls zu tibetischen Himmelsbestattungen an. Ich besichtige einen Gebetstempel, der mir von der Straße aus auffiel, weil sich im Erdgeschoss mehrere riesige Gebetsmühlen drehten. Ich gehe schüchtern hinein und werde durchaus willkommen geheißen und an einen der Speisetische im Saal des oberen Stockwerks gebeten. Ein hohes Maß an Gastfreundlichkeit und Neugier, aber wegen der Kommunikationsbarriere bin ich auch etwas unbeholfen.

Gebäude eines Gebetshauses in Litang. Frontfassade.
Von Außen unauffällig. Innen werden große Gebetsmühlen gedreht und zusammen gespeist und gelacht.

Hier muss man vermutlich etwas mehr Geduld mitbringen, um etwas „tiefer“ mit den Menschen zu interagieren. So sitze ich an einem großen Holztisch, auf dem halbvolle Brauseflaschen und leere Teller stehen – meine Tischnachbarn und ich lächeln uns wechselseitig an. Ich traue mich auch nicht, zu fotografieren, so ganz ohne Gespräch. Eine Mischung aus Neugier und Verlegenheit dominiert. Irgendwann gewinnt letzteres, und ich verabschiede mich höflich. Aber allein die von den Menschen ausgehende Wärme, und das Gefühl vermittelt zu bekommen, herzlich willkommen zu sein, macht dies zu einer besonderen Erfahrung. Man muss sich nur trauen.

Zwei Männer mit Hüten auf den King Gesar  Square von Litang.
König Gesar wacht über den Platz.

Ansonsten bietet der Ort noch einige Frischemärkte auf Hinterhöfen, wie sie auch in anderen Städten des Landes zu finden sind. Hier ist der Anblick der Tierhaltungsstandards – wie eben auch andernorts – mittelmäßig gut zu ertragen, gelinde gesagt. Das schärft das Bewusstsein, aber ausrichten kann man als Besucher ohnehin nichts. Und sollte man auch nicht versuchen. Entspannter und unverfänglicher ist es, den King Gesar Square (格萨尔王广场), den zentralen Platz von Litang zu besuchen. Kein ganz spektakulärer Ort, aber eben zentraler Platz, der (vermutlich) auch abends zum Tanzen einlädt. Es ist recht regnerisch, daher habe ich nichts dergleichen beobachtet.

Statue von König Gesar auf dem King Gesar Square.
Epischer Held der Tibeter König Gesar.

König Gesar ist eine altertümliche Heldenfigur, Protagonist des bekanntesten zentralasiatischen Epos, das vor mehr als 1200 Jahren entstand. Die Heldentaten des fiktiven tibetischen Herrschers sind offensichtlich auch heute noch populär, und der Stadt Litang eben jene zentrale Statue wert. Eine Figur mit der Symbolkraft weltlicher Stärke inmitten einer stark vom gelebten Buddhismus geprägten Region.


Das Geburtshaus des 7. Dalai Lama

Neben dem großen Kloster ist der erhabenste Ort der Stadt sicher das Geburtshaus des 7. Dalai Lama namens Kelzang Gyatso (བསྐལ་བཟང), das mich bereits von außen in typischer, lamaistischer Klosterarchitektur beeindruckt. Wie in Klöstern und Tempeln gehört sich auch hier das Fotografieren in den Innenräumen nicht. Daran halte ich mich, und betrachte die rustikale Einrichtung und heilige Reliquien – in Gedenken an eben jenen Dalai Lama, aber auch an weitere Lamas, die an diesem Ort das weltliche Licht erblickten.

Eingang zum Geburtshaus des 7. Dalai Lama. Weiße Bänder schmücken den Eingangsbogen. Auf den Dächern befinden sich goldene Mandalas und ähnliche Verzierungen.
Eingang zum Geburtshaus des 7. Dalai Lama.

Offenbar leben dessen Nachfahren nach wie vor nebenan und führen Tourist:innen durch das heilige Haus. Ich bin selbst auf eigene Faust unterwegs, und so erschließt sich mir vielleicht nicht alles. Für die zeitliche Einordnung lese ich nach, dass Kelzang Gyatso im Jahr 1708, also zu Zeiten der chinesischen Qing-Dynastie geboren, von einem ortsansässigen Mönch als Wiedergeburt des 6. Dalai Lama identifiziert und bereits im zarten Alter von 13 Jahren zum Thron geführt wurde – an sich sogar noch etwas früher. Turbulente Zeiten damals. Der Weg zum Thron war geprägt von Konflikten um die Rechtmäßigkeit der Thronfolge – Begehrlichkeiten und Ablehnung durch den herrschenden, mongolischen Khan und „König von Tibet“ (Lhabsang Khan,ᠯᠠᠽᠠᠩ ᠬᠠᠨ). Über einen Umweg über das Kloster Kumbum Champa Ling – erbaut am Geburtsort des Gründers der Gelug-Schule – bestieg Kelzang Gyatso schließlich im Jahr 1720 unter Mithilfe der kaiserlichen Qing-Herrschaft und tibetischer Kräfte den Thron in Lhasa. Zunächst allerdings neben einer Regentschaft, welche für die politische Führung zuständig war.

Häuserfassaden vor dem Geburtshaus des 7. Dalai Lama in Litang. Mann mit Gebetsmühle.
Vor dem Geburtshaus des 7. Dalai Lama.

Es dauerte noch viele weitere Jahre (1751), bis dem 7. Dalai Lama schließlich auch die weltliche Herrschaft über Tibet zugetragen wurde. In die Zeit seines Schaffens fällt unter anderem die Gründung wichtiger administrativer Institutionen, die auch noch heute – im Exil – Bestand haben. Im Besonderen gelten jedoch sein intellektuelles und geistliches Schaffen als wesentliches Vermächtnis. Man zählt ihn zu den drei tüchtigsten und versiertesten Dichtern aller bisherigen Dalai Lamas. Vielleicht eine besondere Motivation, sich bei der Vorbereitung auf die nächste Reise intensiver mit der tibetischen Sprache zu beschäftigen. (Quelle: treasuryoflives.org)

Das Litang-Kloster: Chamchen Chökhorling (ལི་ཐང་དགོན་ཆེན)

Das große Highlight in Litang ist für mich natürlich der Besuch des Klosters nördlich der Stadt. Nicht weit entfernt – nur etwas mehr als 1 Kilometer von der Innenstadt. Aber eben auch den ein oder anderen Höhenmeter. Also, nicht viele Höhenmeter. Es ist ein moderater Aufstieg, den ich andernorts kaum zur Kenntnis nehmen würde. Hier, auf über 4000 Metern, ist der kleine Spaziergang eine sportliche Herausforderung. 17 Minuten sagt google.maps – 30 Minuten sagt meine Lunge. Inklusive Ruhepause.

Blick auf das Litang Kloster an einem wolkigen Tag. Goldene Dächer mit Verzierungen.
Kloster Chamchen Chökhorling (ལི་ཐང་དགོན་ཆེན) – umwoben vom Nebel.

Zugegeben: Ich habe die Nacht nicht besonders gut und viel geschlafen. Aber bei der dünnen Luft, angereichert mit einer Extraportion an feuchtem Nebel, hätte auch die ideale Nachtruhe nicht viel weitergeholfen. Doch dann stehe ich vor diesem stolzen Gebäudekomplex. Golddächer mit Türmchen in Form von Gebetsmühlen und Stupas. Unterschiedlich gestaltete Fassaden. Einige werden aktuell – im Jahr 2016 – noch neu gestaltet, oder restauriert. Teile des Klosters sind eine Baustelle. Ich bekomme von Leuten im Land erzählt, dass die zentrale Regierung viel Geld in die Restaurierung tibetischer Kulturgüter investiere, um den Tourismus und damit die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Tatsächlich ist nicht nur das Kloster, sondern halb Litang im Jahr 2016 eine Baustelle. Viele Straßen sind komplett aufgerissen. Im und am Kloster scheint ein Großteil der Arbeiten jedoch bereits abgeschlossen.

Buntes Eingangstor zum Litang Kloster mit seinen goldenen Dächern.
Zugang zu Gebäuden des Litang-Klosters.

Das Original-Kloster wurde bereits im Jahr 1580 im Auftrag des 3. Dalai Lama (Sonam Gyatso, བསོད་ནམས་རྒྱ་མཚོ་) erbaut. Sonam Gyatso war de facto der Erste, dem durch den mongolischen Herrscher der Ehrentitel Dalai Lama verliehen wurde. Die ersten beiden Dalai Lama wurden daraufhin posthum betitelt. Er gründete das Kloster auf seinem Weg von der Mongolei zurück nach Lhasa. Es gilt als das älteste und größte Gelug-Kloster in der Kham-Region, im Westen Sichuans. Daher, und durch das geistliche Wirken des 7. Dalai Lama in diesem Kloster, kommt dem Chamchen Chökhorling in Tibet eine besondere Bedeutung zu.

Mönch in roter Robe steigt über die Türschwelle des roten Eingangstors ins Litang Kloster.
Der Zugang ins Litang Kloster steht nicht nur Mönchen frei.

An diesem Tag ist nicht viel los. Oder noch nicht. Es ist 7:00 in der Früh. Hier und da tauchen Mönche auf, spazieren die Treppen hinauf oder hinab. Leute kommen auf Motorrädern und in Pick-up Trucks. Es ist still. Das Kloster erwacht langsam, ganz langsam. Eine fast meditative Stimmung, auch ohne direkten buddhistischen Bezug. Ich genieße die Ruhe und umrunde einmal das Kloster, einfach so. Erstmal.

Altar mit Mandala vor den grünen Hügeln von Litang.
Das Litang-Kloster schmiegt sich in die umgebende Hügel- und Glaslandschaft ein.

Ich bin zurück am Eingang. Ein Mönch deutet mir an, doch ruhig hereinzuspazieren. Die Klosterschüler laufen umher, betreiben ihre Morgenwäsche, putzen sich die Zähne. Einige schrubben den Boden. Alltägliche, weltliche Tätigkeiten. Tibetische Mönche und Schüler möchten nicht allzu gerne ungefragt fotografiert werden. Jedenfalls Porträts und andere Nahaufnahmen vermeide ich. Immerhin befinde ich mich praktisch in deren Wohnzimmer und warte daher auf einen Moment, an dem ich den Hof frei einfangen kann. Blutrote Fassaden mit hölzerner Vertäfelung, die ein wenig an nordische Hütten erinnert.

Innenhof mit roten Fassasen eines Wohnhauses der Klosterschüler von Litang.
Innenhof eines Wohngebäudes der Klosterschüler.

Ein Rundgang um das Kloster

Als ich das Klostergelände wieder verlasse, wartet das eigentliche Highlight auf mich. Ich möchte eigentlich den Weg zurück in die Stadt spazieren, werde jedoch davon abgehalten. Mittlerweile ist etwas mehr los. Einige Menschen, die offensichtlich keine Mönche sind, laufen auf dem Weg, der das Kloster umrundet. Viele mit Regenschirmen, die die ohnehin schon atemberaubende Aussicht elegant schmücken. Ein älterer Mann spricht mich an und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich verstehe natürlich nur die Gesten, aber diese sind eindeutig.

Gläubige Buddhisten beim morgendlichen Rundgang um das Litang Kloster. Im Hintergrund die grünen Grashügel.
Morgendlicher Rundgang in verwunschener Landschaft,

Mir ist im ersten Moment noch nicht klar, warum ich ihm folgen soll. Doch dann nehme ich an, dass ihm eben klar ist, dass ich des kulturellen Erlebnisses weit angereist bin. Und er möchte mir seine morgendliche Routine zeigen und daran teilhaben lassen. Die Routine all jener, die sich hier an diesem Morgen einfinden. Ich folge ihm, und er hört auf, mit mir zu interagieren. Um sich auf das Chanten seines Mantras zu konzentrieren. Das heißt, er spricht in einer monotonen Halb-Melodie die Worte des Matras, die sich immerzu wiederholen. Konsequent entlang des Rundwegs.

Rundweg um das Litang Kloster, entlang einer Mauer. Blick auf die Stadt.

In seiner linken Hand hält er eine Gebetskette, eine Mala (tibetisch: Threngwa, ཕྲེང་བ). Sie trägt 108 Perlen, die zu einer 108-fachen Wiederholung des Mantras motivieren sollen. Nach jeder Wiederholung rückt man mit dem Daumen quasi eine Perle vor, bis man wieder bei der etwas größeren, ersten Perle angelangt, der Guru-Perle. Daraufhin wird in die Gegenrichtung gezählt – erneut 108 Perlen und Mantras. Die Guru-Perle wird mit dem Daumen nicht gekreuzt. Die 108 ist im Buddhismus (aber u.a. auch im Hinduismus) eine heilige Zahl, die hier auf die 108 Bände der Lehren Buddhas verweist. Diese Zahl taucht auch in anderen Zusammenhängen auf. Zum Beispiel in der sportlichen Anzahl von Treppenstufen, hinauf zu einem Tempel, wie ich es auf meiner Tour der Mongolei erlebte. (Quelle: tnp.org).

Zwei Frauen mit Regenschirmen auf einem Weg zwischen den vernebelten, grünen Hügeln von Litang.

Die eine Runde, auf dem ich den Mann begleite, „endet“ an einer weißen Stupa. Stupas sind im Prinzip stilisierte, einfache Grabhügel, die unterschiedliche Symboliken vereinen, und denen im Buddhismus eine zentrale, rituelle Bedeutung zukommt. So umrunden wir auch die Stupa einmal. Also ich. Der nette Mann hat noch mehr vor. Wenn ich ihn richtig verstehe, dreht er die Runde insgesamt dreimal. Auch wenn ich kein nennenswertes Hintergrundwissen zu den zugrundeliegenden Lehren mitbringe, und dadurch auch wenig Bezug zu den Ritualen im religiösen Sinne herstellen kann: der meditative Effekt, die Fokussierung der Gedanken und eine gewisse Loslösung und Befreiung des Geistes, erschließt sich mir hier durchaus. Beim reinen Beobachten der Gläubigen. Aber auch in mir – wenngleich die verwunschene Umgebung und die weltliche Ruhe hier auch eine wesentliche Rolle spielen dürften.

Ein Mann winkt vor einer weißen Stupa. Kacheln mit der Aufschrift "Om mani padme hum" in tibetischer Schrift.
Erinnerungsfoto vor der Weißen Stupa. Om mani padme hum.

Wir verabschieden uns und lassen uns einander schließlich unseres Weges ziehen. Also gleich. Erst noch ein Foto. Diesmal frage ich, und er freut sich, mir dieses Erinnerungsfoto schenken zu dürfen. Vor der weißen Stupa mit der goldenen Spitze und dem spirituellen Symbol des Feuers, der Sonne und des Mondes. Davor stehen Schilder, die das Mantra „Om Mani Padme Hum“ präsentieren, welches unseren Geist für Liebe und Mitgefühl öffnet – auf dem Weg hinaus aus dem Kreislauf von Leben und Wiedergeburt. Ein schöner Abschluss meines kurzen Ausflugs in die spirituelle Welt West-Sichuans.

Bunte Kacheln mit der Aufschrift "Om mani padme hum" in tibetischer Schrift schmücken den Rundweg am Litang Kloster. Im Hintergrund die vernebelten, grünen Hügel.
Das Mantra „Om Mani Padme Hum“ ziert den Weg rund um das Kloster.

Tipps für Litang:

  • Mit zwei Übernachtungen hast du genug Zeit, Stadt und Kloster zu besichtigen – für eine Tour ins Umland solltest du eine dritte Nacht einplanen
  • Bedenke, dass du auf über 4000 Meter bist – geh´es langsam an und fahr zurück, wenn du krank wirst
  • Die hygienischen Bedingungen in der Stadt haben mich nicht überzeugt – ich empfehle, zum Essen einer Empfehlung aus den einschlägigen Reiseführern aufzusuchen. Ich fand so auch vegetarische Gerichte wie Mapo Tofu oder Kartoffel-Pfannkuchen
  • Bevor du in ein Hostel eincheckst, fragen, ob es Strom gibt (!) – das Potala Inn ist sehr bliebt und solide, dafür aber weniger charmant
  • Erkundige dich – wenn möglich – vorher bei anderen Travellern, ob jemand aktuelle Erfahrungen an den Checkpoints gemacht hat
    • bei meiner Reise (2016) traf ich jemanden, dem gerade der Zutritt nach Dêgê verwehrt wurde – kann nach langer Fahrt sehr ärgerlich sein

Mein Fazit:

Die Busfahrt von Chengdu über Kangding nach Litang ist zweifelsohne anstrengend. Aus verschiedenen Gründen. Dennoch: wer das Abenteuer nicht scheut, und einen Einblick in die tibetische Kultur und den lamaistischen Buddhismus sucht, sollte diese Reise unbedingt antreten. Vorausgesetzt, du leidest nicht unter Höhenkrankheit. Dann solltest du zumindest bei ersten Anzeichen die Rückfahrt antreten. Ich persönlich komme relativ gut mit der Höhenluft klar – jedenfalls wenn ich mich nicht allzu sportlichen Aktivitäten widme. Und: wo, wenn nicht hier bietet es sich an, sich auf den Pfad der Langsamkeit zu begeben. Ich habe sowohl Kangding als auch Litang weniger als zwei volle Tage gewidmet. Um – vor allem in Litang – noch intensiver die Umgebung zu erkunden, sollte wenigstens ein weiterer Tag eingeplant werden. Mit etwas Glück kannst du hier (wenn du wirklich möchtest) auch einer tibetischen Himmelsbestattung beiwohnen. Diese Gelegenheit habe ich mir entgehen lassen. Auch aus Respekt vor der massiven Polizeipräsenz bin ich relativ schnell wieder zurück nach Chengdu gefahren! Letztlich wird man aber ohnehin an einem Checkpoint zurückgewiesen, wenn man tatsächlich nicht erwünscht ist.

Hinweis: Alle in diesem Artikel beschriebenen Reisen wurden privat finanziert. Ich erhalte keine finanziellen Zuwendungen von in diesem Artikel genannten Unternehmen oder anderen Organisationen.

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