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Von Berlin nach Moskau mit dem Zug

1 – Das Abenteuer beginnt – Mit dem Zug nach Russland

Früh am Morgen des 17. Aprils 2016 am Berliner Hauptbahnhof. Meine bislang längste Zugreise geht bald los – kompromisslos mit dem Zug von Berlin nach Saigon, in den Süden Vietnams.
Luftlinie beträgt die Distanz 9.270 Kilometer, auf dem Landweg sind es circa 15.000 Kilometer. Dazu kommen geplante und ungeplante Abstecher von der Hauptroute.

Ich bin aufgeregt und doch auf vieles Unbekannte und Unerwartete vorbereitet. Und sicher auch auf vieles unvorbereitet. Auf angenehme und unangenehme Überraschungen unterschiedlichster Art.
Es ist mittlerweile 7:05 Uhr, kurz vor der Abfahrt nach Moskau. Und dann kommt unverhofft schon zur ersten kleinen Reisebegegnung. Keine der interessanten Begegnungen, wie ich sie später auf meiner Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn haben werde.
Eher eine Konfrontation, die mich fast meinen ersten Zug verpassen lässt – den Zug nach Moskau.

2 – Abfahrt Berlin Hauptbahnhof

Der Abschied ist kurz. Ich steige in den Nachtzug Berlin – Moskau, der aus Paris kommt und eigentlich Paris-Moskau-Express heißt.
Der Zug mit der Nr. 024Й ist die exklusivste Verbindung zwischen Berlin und Moskau – einmal pro Woche verkehrt der Nachtzug.
Die Gesamtstrecke (ab Paris) beträgt 3483 km, ab Berlin immerhin noch 1837 km, quer durch Polen und Belarus, mit einer Fahrzeit von 26 Stunden und 8 Minuten.

Nach nur wenigen Kilometern und Minuten erreicht der Zug nach Moskau bereits seine erste, noch wenig glamouröse Station, Berlin-Lichtenberg. Und mich erreichen die ersten hals-und-beinbrüchigen SMS-Grußworte.

» Schließlich bin ich jetzt ➟auf dem Weg mit dem Zug nach Vietnam.

3 – Komfort im Nachtzug Berlin-Moskau

Der Zug nach Russland und die Fahrt dorthin werden mich auf die folgende Transsib-Erfahrung einstimmen. Es handelt sich um einen von den Russischen Eisenbahnen (РЖД/ RŽD) betriebenen Zug mit den klassischen Schlafwagen.

Jedenfalls nahezu. Es gibt keine Großraum-Schlafwagen der 3. Klasse. Dafür jede Menge 4-Bett Abteile der 2. Klasse, sowie die 2-Bett Luxus-Abteile der 1. Klasse.
Neben den gewöhnlichen Toiletten- und Wasch-Einrichtungen gibt es auch eine Dusche am Ende des Waggons.

Ich selbst beziehe ein Abteil in der 2. Klasse, das ich mir unter anderem mit einem älteren russischen Ehepaar teile, das sich nach dem Besuch ihrer Tochter auf dem Heimweg nach Moskau befindet, Vanja und Ivan.

Die beiden werden zu Beginn der Fahrt von dem Vierten im Bunde unterhalten. Ein junger Kerl, der offenbar einiges an politischen Inhalten zu teilen hat, was ich trotz der Sprachbarriere anhand häufig auftauchender Namen aus der großen Weltpolitik zu identifizieren glaube. Ein Monolog.

Ivan jedoch zeigt auch Interesse an mir und trainiert sein Deutsch, welches im Laufe der Fahrt immer flüssiger wird. Er neigt zu zünftigen Scherzen. Sowas bleibt beim Erlernen von Fremdsprachen immer hängen. Ich bekomme zudem interessante Tipps zu meiner geplanten Reise.

Im Schlafabteil des Paris-Moskau-Express. Auf meiner Ablage ein Transsib-Reiseführer. Links der obere Teil einer Plastikflasche. Rechts ein Knoppers. Oben im Bild der Blick aus dem Fenster.
Die Reiselektüre liest sich in aller Entspannung.

Neben Hinweisen, was ich besser hätte planen können, eben auch konstruktive und generelle Vorschläge zu meinem Aufenthalt in Moskau und Russland. In den russischen Zügen werde ich einige weitere derartige Erfahrungen machen.

4 – Breitspurig im Zug nach Russland

Aus Sicht eines Eisenbahn-Nerds ist das Highlight dieser Fahrt der Aufenthalt in Brest (Брест), der weißrussischen Grenzstadt, welche wir am frühen Abend erreichen. Im Vergleich zu der später auf mich zukommenden ➟Erfahrung an der Grenze Russland – Mongolei geht das Prozedere hier relativ rasch vonstatten.

» Insgesamt verbringen wir zwei spannende Stunden am Grenzbahnhof Brest.

Zunächst gibt es zwei Schübe an Grenzkontrollen, und eine Grenzbeamtin muss mir grobe Fehler in meiner Migrationskarte (Migration Card) der Russisch-Weißrussischen Union (alias Unionsstaat) korrigieren.
Ein nicht unerhebliches Detail, denn diese Karte habe ich nebst Pass und Visum für die gesamte Dauer des Aufenthalts in Russland mitzuführen, vorzuzeigen und bei der Ausreise wieder unversehrt abzugeben.
Da es sich um eine Einreiseabfertigung für den Unionsstaat handelt, werde ich an der belarussisch-russischen Grenze nicht erneut kontrolliert und kann quasi durchschlafen. Sehr praktisch und entspannt.

Vorne das Bahnsteig am Grenzbahnhof Brest. Dahinter das klassizistische, beigefarbene Hauptgebäude, teilweise von Bäumen bedeckt. Auf dem Dach der Schriftzug "Brest" in kyrillisch. Darüber bewölkter Himmel.
Das elegante Hauptgebäude vom Grenzbahnhof Brest.

Weniger praktisch dagegen ist die Umstellung des Schienensystems auf die russische Breitspur. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – inklusive der Mongolei – besitzen die Eisenbahnschienen eine Spurbreite von 1520 mm, was offensichtlich nicht mit der u.a. in Europa und China üblichen Normalspur von 1435 mm kompatibel ist. Für alle Eisenbahnfans aber allemal ein Schmankerl.

Denn während unseres Aufenthaltes in Brest sind wir vor allem damit beschäftigt, die Umspurung der Waggons zu beobachten. Wir bleiben dazu im Zug sitzen und finden uns nach einer Weile schließlich auf breiter Spur wieder, ohne dies so richtig zu bemerken.

Der Waggon wird während des Procederes angehoben und kurzerhand auf das neue Fahrwerk gesetzt. And there you go! Neben den Grenzkontrollen stimmt mich dies ein Stück weit mehr auf das bevorstehende Abenteuer ein. Neues Gleis, neues Glück!

5 – Im Schlaf durch Weißrussland

Es geht weiter, und die Sonne beginnt, sich am Horizont zu senken. Ich genieße die ersten – und letzten – Eindrücke der belarussischen Landschaft. Denn um 20:30 Uhr möchte Vanja schlafen und die Kabine verdunkeln.
Viel zu sehen ist in der Dämmerung ohnehin nicht mehr und wir ziehen den Vorhang zu.

Im 4-Bett Abteil gibt es für jede Person eine schmale Koje. Eigentlich passt lediglich ein ausgewachsener Mensch liegend darauf. Vanja und Ivan haben zwei übereinanderliegende Kojen gebucht, doch Vanja gestattet es Ivan nicht, sein obiges Nachtquartier aufzusuchen.
Und so kuscheln sich die beiden auf engstem Raume aneinander und entschwinden so synchron und friedlich in die Nachtruhe.

Die letzten Sonnenstrahlen haben dem Tag einen würdigen Abschied beschert, und ich begebe mich in das Bordrestaurant. Ich bestelle mir ein Bier der Marke „Балтика“ (Baltika) und genieße die Dunkelheit, die Ruhe und ein Gefühl, das ich nicht leicht beschreiben kann.

Ein Gefühl, das mich immer aufsucht, wenn ich mich auf Schienen etwas Unbekanntem nähere. Vielleicht eine Art der sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch. Gleitende Schmetterlinge, tiefenentspannt ob der abhandenen Notwendigkeit des Flügelschlags.

Dorf East Rail Stories
Erste Eindrücke von Russland. Ländliches Ambiente.

6 – Aufwachen in Russland

Nach einer eher kurzen Nachtruhe erwache ich dennoch ausgeschlafen und erholt um 7 Uhr in der Früh. Vanja und Ivan sind freilich schon wach und gewaschen. Ivan versichert sich, dass ich während meiner nächtlichen Bordbistro-Erfahrung auch ausreichend mit Pivo (пиво, Bier) versorgt wurde.

Nun, relativ. Nicht zu wenig, nicht zu viel. Man möchte sich ja nicht gleich vollständig den gängigen Russland-Klischees ausliefern, und sich dauerhaft abschießen.

Ohnehin – ich werde auf der Reise generell nur relative wenig Bestätigung für die gängigen Saufklischees finden. Speziell in der Transsibirischen Eisenbahn (mit einer unangenehmen ➟Ausnahme zwischen Krasnojarsk und Irkutsk).

Denn in den Zügen herrscht – zu meiner Überraschung – außerhalb des Bordrestaurants tatsächlich Alkoholverbot. Mich würden auf der Reise ruhige Nächte erwarten. Eine meditative Gesamterfahrung, untermalt von vorbeiziehenden Birkenlandschaften und dem seichten Rattern des Rad-Schienen-Systems.

Ich genieße die ersten Eindrücke des vorbeiziehenden Westen Russlands. Dörfer von Holzhäusern umgeben von Nadelgehölzen. Es ist Anfang April, und das Wetter rückt die Landschaft noch nicht in das allerschönste Licht. Es wirkt karg und monoton, und dennoch aufregend. Ich bin in Russland angekommen.

Ivan teilt mir mit, dass wir bereits in einer Stunde Moskau erreichen und meine Hose zu tief sitze. Nun gut, ich korrigiere letzteres, packe meine Sachen und beobachte die Vorposten der Metropole. Massive Platten-Romantik prägt die Moskauer Vororte.

Die hölzernen Bahnsteige der Bahnhöfe zeichnen mir mein sibirisches Abenteuer vor. Wir erreichen den weißrussischen Bahnhof in Moskau (Белорусский вокзал). Der Abschied von Vanja und Ivan ist kurz und schmerzlos.

Hinweis: Alle in diesem Artikel beschriebenen Reisen wurden privat finanziert. Ich erhalte keine finanziellen Zuwendungen von in diesem Artikel genannten Unternehmen oder anderen Organisationen.

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